Aus dem Engadin auf den Albulapass

Von der Auffahrt auf den Albulapass von der Engadiner Seite aus, Kuhherden auf den Strassen und warum Klick-Pedale gefährlich für die Beziehung sein können. 

Seit zwei Tagen zelten wir jetzt bereits auf dem Camping Morteratsch und haben es am Vortag eher gemütlich angehen lassen. Heute wollen wir nun das schöne Wetter ausnutzen und dem 2312 m hohen Albulapass einen Besuch abstatten. Wir machen das in der “Mädchen”-Variante und fahren von der Engadiner Seite her hinauf. Hier ist mit rund 650 Höhenmetern fast nur die Hälfte des Anstiegs zu überwinden im Vergleich zur Westseite von Filisur aus. Schliesslich befinden wir uns im Urlaub und auch Marina soll Spass an der Sache haben.

Nachdem wir unsere Velos zusammengebastelt haben (wir haben uns einen Fahrradträger im Kofferraum installiert, der den Vorteil hat, die Räder innen transportieren zu können – allerdings müssen Vorderräder und Sättel ausgebaut werden), die Trinkflaschen aufgefüllt haben und sonstige mehr oder weniger wichtige Tätigkeiten umgesetzt haben, machen wir uns via Pontresina auf den Weg.

Es geht zuerst die Kantonsstrasse bis hinab zum Kreisverkehr, wo man linkerhand St. Moritz erreichen würde und wo wir die rechte Abzweigung in Richtung Zernez wählen. Wir folgen den breiten Strassen an Samedan und Bever vorbei, bis wir nach einigen Kilometern Fahrt La Punt Chamues-ch erreichen. Bis hierher gab es keine Steigungen zu überwinden, wir biegen jetzt aber links ab und befinden uns damit sofort im Anstieg der Albulapass-Ostanfahrt.

Theoretisch.

Das Dilemma mit den Klick-Pedalen und Kreuzungen

Praktisch macht Marina komplexe Übungen, um im etwas dichteren Verkehr das Abbiegemanöver von der Hauptstrasse zu vollziehen. Das endet in panischen “Ich-komme-nicht-mehr-in-meine-Pedale“-Schreien, gefolgt von nicht-kindertauglichen Verwünschungen, in denen ich, Klick-Pedale generell und die Tatsache, dass es bergauf geht und man da schlechter in die Pedale rein kommt, eine Hauptrolle spielen. Sie steigt also mitten auf der Kreuzung ab, schiebt ihr Velo links die Strasse einige Meter hinauf und flüchtet sich dann erst einmal in eine Hauseinfahrt. 

Ich stecke in solchen Situationen immer in einer Zwickmühle. Wenn ich anhalte, bekomme ich den ganzen Zorn ab. Wenn ich einfach weiterfahre, bekomme ich auch den ganzen Zorn plus den Zusatz-Zorn für mein Sich-auf-und-davon-machen ab. Die Realität sieht dann also oft so aus, dass ich sehr, sehr… s e h r langsam weiterfahre.

Und genau das tue ich jetzt. Die Strasse steigt aber bereits nicht ganz unerheblich an. Also muss ich zumindest ein gewisses Tempo fahren, um nicht einfach umzufallen. Dabei drehe ich mich beständig um, aber auch nach einem knappen Kilometer ist Marina noch nicht zu sehen. Ich gebe dann irgendwann auf, drehe um und rolle wieder hinunter. Kurz vor der Kreuzung kommt sie mir dann endlich entgegen, wobei sich mein “Hast du noch einen Kaffee getrunken?” eher als Titanic unter den Konversations-Eisbrechern herausstellt. Immerhin darf ich danach aber mein eigenes Tempo fahren (“Hau ab!“). Eine Methode, die wir ohnehin bei Anstiegen häufig so anwenden. 

Ich trete also ab jetzt meine eigene Geschwindigkeit vor mich hin. Kurze Zeit später muss ich nochmal schnell anhalten und meine Armlinge ablegen, bevor ich dann die unteren Kehren des Albulapass in Angriff nehme. Die Steigungsanzeige in meinem GPS steigt und steigt und übersteigt vor allem den Komfort-Bereich von 6-9% auf teilweise 11-12%. Das ist nicht gerade abnormal steil, aber doch genug, um für das Vorwärtskommen etwas arbeiten zu müssen. Mir war irgendwie nicht so bewusst, dass auch diese Seite des Albulapass stellenweise recht anspruchsvoll ist.

Die Strasse führt nun relativ gerade das Val d’Alvra hinauf und gewinnt dabei nach wie vor stetig an Höhe. Bei der Alp Alesch auf 2075 m Höhe gibt es nochmals zwei Serpentinen, bevor es dann wieder in leichten Kurven weiter in Richtung Passhöhe geht. Knapp 200 Höhenmeter später, bei Punt Granda, zweigt rechterhand der Weg zur Chamana d’Es-Cha ab. Hier haben wir vor einigen Jahren geparkt, um kurz unterhalb des Gipfels des Piz Kesch umkehren zu können.

Asphalt ist das neue Gras

Heute fahre ich hier aber einfach vorbei, es ist mittlerweile deutlich flacher geworden und mit nur noch wenig Höhenunterschied geht es nun die letzten Kilometer bis zur Passhöhe. Zumindest fast: kurz vorher muss ich noch ein wenig Slalom durch eine Kuhherde fahren. Immerhin mal keine Mutterkühe, aber junge Rinder, die sich aufmüpfig auf der Strasse tummeln. Liebe Kühe: Asphalt schmeckt nicht. Fresst Gras!

Auf den letzten Metern rennen zusätzlich zu den Kühen ein Haufen Menschen am Strassenrand herum. Bei näherem Hinschauen entpuppt sich das aber als die russische Ski-Nationalmannschaft, offenbar beim Training. Das macht auch Sinn, da ja offenbar ein Grossteil der russischen Profisportler wegen Dopings gesperrt sind, haben sie wahrscheinlich jede Menge Zeit zum Trainieren.

An der Passhöhe drehe ich wieder um und rolle zurück, wieder durch die Kuhherde (diesmal im Schatten eines Motorradfahrers, damit sind die wenigstens einmal zu etwas nütze). Kurz nachdem es in den steileren Teil übergeht, treffe ich bereits auf Marina, die sich tapfer nach oben kämpft. Ab hier fahren wir dann beide gemeinsam und erreichen kurze Zeit später wieder das Restaurant an der Passhöhe.

Hier gibt es erst einmal eine kurze Pause, in der ich einen stämmigen, grossen (und damit schweren) Mann, sein Rennvelo und vor allem seine Lightweight-Laufräder bewundere. Für den Preis eines Satzes dieser Laufräder bekommt man auch ein sehr gut ausgestattetes Rennvelo. Die Teile sind zwar extrem leicht, allerdings frage ich mich bei seiner Gewichtsklasse, ob es da nicht günstiger gewesen wäre, einfach etwas abzuspecken. Und wenn es nur ein Kilogramm wäre. Das ist immer noch ein Vielfaches des Gewichtsvorteils dieser Laufräder gegenüber normalen Laufrädern. Aber gut, nur wer hat der kann.

Wir haben unser Müslieriegel-Mittagessen hinter uns und machen uns auf den Weg, um wieder zurück ins Engadin zu rollen. Die Strasse ist im oberen Teil gut ausgebaut und so können wir relativ entspannt wieder zurück ins Inntal brausen. Erst die letzten Kilometer sind teilweise etwas buckelig und der Asphalt hat schon bessere Tage gesehen, aber mit einer gewissen Voraussicht geht auch das. 

Nachdem wir die Kreuzung des Grauens in La Punt Chamues-ch dieses Mal ohne Zwischenfälle hinter uns gelassen haben, fahren wir wieder auf der gleichen Strecke zurück. Bei Pontresina wählen wir aber jetzt die Durchfahrt durch den Ort, da auf der Kantonsstrasse eine Baustelle mit Ampel ist. An der mussten wir auf dem Hinweg recht lange warten. Nach Pontresina erreichen wir aber wieder die Strasse in Richtung Berninapass und fahren gemeinsam bis zur Abzweigung Morteratsch. Ich beschliesse, noch den Berninapass dranzuhängen, während Marina rechts abbiegt und zum Zelt fährt.

Gegenwind am Berninapass

Nach der Verzweigung führt mich die Strasse nun noch einige hundert Meter weiter, bis sie an einem markanten Fotostandpunkt in zwei Kehren an Höhe gewinnt, die Bahnlinie der Rhätischen Bahn kreuzt, um dann etwas flacher in Richtung Bernina Suot zu führen. In diesem Bereich steigt die Strasse nur wenig an. Insgesamt muss man sagen, dass die Engadiner Seite des Berninapasses recht einfach zu fahren ist und mit guten 400 Höhenmetern ab Morteratsch auch überschaubar von der Länge her ist. Mühsam kann es werden, wenn man mit Gegenwind zu kämpfen hat, und genau der macht mir jetzt das Leben schwer. Bei Bernina Suot überquere ich die Gleise ein weiteres Mal, ab hier führen sie nun wieder auf der rechten Seite der Strasse entlang. Es geht weiter leicht ansteigend bis zur Diavolezza und zur Talstation der Lagalb-Bahn, die im Sommer aber aktuell nicht im Betrieb ist.

Die riesigen Mutterkuhherden am Strassenrand beäugen mich misstrauisch, wobei dieses Misstrauen auf Gegenseitigkeit beruht – immerhin muss ich nicht zwischen ihnen hindurch. Nach Lagalb folgen eine kleine Baustelle, ein paar Kurven und dann ein kurzes, steileres Stück, bevor ich nun bereits das Restaurant auf der Passhöhe sehen kann und kurz darauf den letzten, wenige hundert Meter langen Schlussanstieg in Angriff nehmen kann. Oben gibt’s nur kurz etwas zu trinken, bevor ich die angenehme Abfahrt zurück nach Morteratsch in Angriff nehme und ohne viel Aufwand fast bis zum Zeltplatz rollen kann, wo mich Marina bereits erwartet.

Details zur Route

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