Über Livigno ins Unterengadin

Von unserem “Basislager” am Camping Morteratsch starten wir heute direkt Richtung Berninapass, um dann weiter nach Livigno zu fahren. Wir rollen aus der Einfahrt und biegen nach rechts auf die leicht steigende Kantonsstrasse ab. Der Start wird durch das wunderschöne Panorama auf den Vadret Morteratsch versüsst und die zwei zu überwindenden Kehren haben wir schnell hinter uns gebracht. Fast geradeaus führt die Strasse nun bis Bernina Suot, wo die Bahngleise zum zweiten Mal überquert werden und ein paar Meter weiter erreichen wir bereits die Talstation der Diavolezza Bergbahn. Diese lassen wir aber rechts liegen und folgen dem Strassenverlauf unterhalb des Piz Lagalb entlang. Hier wird es teilweise etwas steiler und mit ein wenig Gegenwind ist der Anstieg gleich nicht mehr ganz so lustig. Aber es hält sich in Grenzen und wir kommen ganz gut voran.

In einem weiteren Schlenk nach dem Val dal Bügliet kommen wir schliesslich am Ospizio Bernina vorbei und nehmen den letzten kleinen Schlussanstieg zur Passhöhe in Angriff. Oben machen wir keine lange Pause, schnell schlüpfe ich in meine Windjacke und schon geht’s an die Abfahrt. Obwohl es mittlerweile schon besser geht, bin ich immer noch kein Fan von Abfahrten auf Passstrassen – aber es hilft ja alles nix, irgendwie muss ich da jetzt runter kommen. Falko fährt schon voraus und ich zuckle hinterher. Blöderweise fliegt mir auch noch ein Insekt in den Helm und kann sich nicht selbst befreien. Alles ruckeln und Kopf wackeln hilft nichts. Neben meinem Ohr summt’s und brummt’s wie verrückt, bis ich endlich (fast schon panisch ) eine kleine Haltebucht erreiche, bei der ich anhalten und mir den Helm vom Kopf reissen kann. Gestochen hat’s zum Glück nicht und anscheinend ist es auch gleich weggeflogen, als ich den Riemen gelöst habe, denn wie immer sieht man im Helm – NICHTS. Also Topf auf weiter geht’s, Falko wundert sich bestimmt schon wo ich bleibe. Im oberen Teil ist die Abfahrt ganz okay. Je weiter ich mich allerdings der Abzweigung nach Livigno nähere, desto gefühlt steiler wird die Strasse und desto enger werden die Serpentinen.

Am Abzweig treffe ich wieder auf Falko und gemeinsam fahren wir Richtung Livigno weiter. Der folgende Anstieg zur Forcola di Livigno hinauf hat es aber in sich. Nachdem sich meine Geschwindigkeit rasch wieder im einstelligen Bereich einpendelt, darf Falko wieder alleine voraus fahren – so kann jeder sein Tempo fahren und die Fahrt für sich geniessen (beziehungsweise ungesehen vor sich hin leiden). Die Blechlawinen, die sich nach Livigno schieben, sind wirklich der Wahnsinn. Wir sind dieses Strasse neulich am Abend mit dem Auto gefahren und dachten, dass das hier eine schöne, ruhige Tour auf einem kleinen Strässchen werden würde. Klein ist die Strasse jetzt immer noch, allerdings fahren hier massenhaft Autos durch, um in Livigno zollfrei einkaufen zu gehen – was sich bei der Anfahrt über den Pass ja noch wahnsinnig rechnet. Da kann ich nur den Kopf schütteln.

Viele Autofahrer sind das eine, viele Autofahrer, von denen aber mehr als 50% wirklich beschissen fahren und einem mit gerade mal 10cm Abstand überholen sind richtig nervig. Ein besonders freches Exemplar in seinem goldenen Cabriolet fühlt sich dann wohl von mir behindert, weil er nicht gleich überholen kann und hupt mich zweimal frech von hinten an. Sorry Leute, so geht’s nicht! Meine Reaktion darauf bleibt eurer Fantasie überlassen. Es sei nur so viel gesagt – ich war genau so freundlich wie mein Hintermann!

Trotzdem komme ich dann irgendwann an der Forcola di Livigno an – wieder schlüpfe ich in meine Windjacke und wir machen uns an die Abfahrt. Diesmal sind es aber nicht so enge kleine Kurven. Die Strasse zieht sich in langen Kurven am Hang hinunter und bringt uns direkt ins Valle di Livigno. In unserer Vorstellung hatten wir einen kleinen Ort mit einer Mischung aus bündnerischem und italienischem Stil gehabt. Der Anblick der sich uns hier bietet, widerspricht aber sämtlichen Einbildungen, die wir hatten. Dem Ort fehlt unserer Meinung nach jegliche Romantik und die Autokolonnen und Menschenmassen, die sich auf und neben den Strassen bewegen, sind einfach nur krass. Wir kommen kaum noch voran, weil alle Strassen verstopft sind und beschliessen nun “italienisch” zu fahren. Was das heisst? Einfach fahren! Sonst sind wir ganz brave Radfahrer, die an der Ampel halten, Fussgänger über die Strasse lassen und sich bei einer Autoschlagen hinten anstellen. In Livigno kippen wir diese Regeln und fahren einfach, damit wir überhaupt vom Fleck kommen.

Nach ein wenig Gedrängel und dem Passieren von mindestens sechs Tankstellen (!) erreichen wir dann endlich den Kreisel am Ortsende. Hier biegen wir auf die Strasse ab, die direkt am Lago di Livigno entlang führt. Nun sind wir fast ungestört, ein paar Velofahrer und vereinzelte Autos fahren hier lang, der Rest bleibt (zum Glück) weiterhin im Verkehrschaos von Livigno. Die nächsten 8,5 Kilometer führen nun völlig flach und teilweise in geschlossenen Gallerien am See entlang und wir geniessen die Aussicht auf den See und das entspannte Fahren. Am Ende des Sees, an der Staumauer legen wir noch einen kurzen Foto-Stop ein und warten auf den Velo-Bus, der uns durch den Munt-la-Scherra-Tunnel zurück ins Unterengadin bringen soll. Die 130 Meter hohe Staumauer liegt direkt auf der Staatsgrenze zwischen der Schweiz und Italien und so kommen wir quasi per Bus wieder zurück in die Schweiz.

Dieser lässt auch nicht lange auf sich warten, die Räder werden (carbonfreundlich) auf dem Anhänger befestigt und mit einem weiteren Velo-Fahrgast geht’s nach einem kurzen Plausch Richtung Tunnel. Fünfzehn Minuten später erblicken wir bei Punt la Drossa wieder Tageslicht, steigen auf die Räder und machen uns daran, die nächsten Höhenmeter zu erklimmen. Bis Ova Spin müssen wir noch circa 170 Höhenmeter radeln – und langsam werden meine Beine schwer. Von Ova Spin können wir es dann aber erst mal wieder gemütlich angehen und rollend erreichen wir einige Minuten später schon Zernez.

Bis zum Zeltplatz in Morteratsch sind es aber noch einige Kilometer und das folgende Auf und Ab durch das Inntal fordert meine letzten Kräfte. Meine Beine fühlen sich schwer an, als würden sie gleich platzen und eigentlich tut mir nach und nach auch fast der gesamte Rest meines Körpers weh. Aber der Ehrgeiz, die gesamte Runde mit dem Velo zu fahren und nicht irgendwo in den Zug zu steigen und bei Morteratsch wieder auszusteigen, ist doch gross genug und lässt mich – zwar langsam, aber bestimmt – bis zum Zeltplatz radeln. Klar, hätte ich es ohne mein Windschatten-Taxi Falko nicht geschafft, oder zumindest wesentlich länger für den Rückweg gebraucht, trotzdem bin ich froh, es so geschafft zu haben. Vor allem, da ich ab S-chanf bei jedem Ort mit einem Bahnhof mit dem Gedanken gespielt habe, jetzt gleich und hier die Tour zu beenden und mich einfach in den Zug zu setzen. Und das waren so einige Orte, an welchen wir noch vorbei fahren musste. Letzten Endes hat aber der Wille und das Durchhaltevermögen gesiegt und das Gefühl einer kompletten Tour ist eben doch schöner als ein vorzeitiger Abbruch, “nur” weil die Beine weh tun.

Die paar letzten hundert Meter vor der Abzweigung zum Camping gebe ich dann auch nochmals “richtig” Gas – die 20km/h Marke muss getreu eines kleinen Rituals von uns nochmals überschritten werden. Dann rollen wir den Abzweig hinunter – geschafft! Ab jetzt kann ich bis zum Zelt rollen. Absteigen. Essen. Duschen. Essen. Schlafen.

Details zur Route

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Aus dem Puschlav über den Berninapass

Aus dem Puschlav über den Berninapass

Mit dem Zug geht es ab Morteratsch ins Puschlav, von wo aus ich mit dem Rennrad den Berninapass in Angriff nehme. Bei regnerischem und windigem Wetter geht es die rund 1300 Höhenmeter hinauf auf die Passhöhe und von dort aus schnellstmöglich zur warmen Dusche auf dem Campingplatz.

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Pizzo Centrale

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