Pian d’Alpe: Alpe bedeutet Alp und Alp bedeutet Kühe …

Matro – ein komischer Name für einen Berg. Das stört uns aber nicht und wir möchten heute an diesem sonnigen und warmen Montag eine Wanderung auf den Berg mit dem grossen Sendemast machen, der direkt am Scheidepunkt des Valle di Blenio und des Valle Leventina liegt. Wir wollen eine Route ab einer winzigen Strasse oberhalb von Semione mit Start auf rund 1100 m.ü.M. nehmen und via Capanna Pian d’Alpe über einen Rücken auf den Gipfel des 2172 m hohen Berges laufen.

Morgens fahren wir also mit dem Auto bis nach Semione bei Malvaglia. Von dort aus geht es westseitig über unglaublich kleine, steile Strässchen, teilweise in scharfen Kehren furchtbar eng zwischen den typischen Tessiner Häusern hinauf. Bei Gegenverkehr muss man hier ganz ordentlich rangieren, zwei Herren älteren Semesters kommen uns entgegen und überlassen es uns, wie wir uns auf der falschen Strassenseite an ihnen vorbei mogeln können – sie ziehen einfach die Bergseite der Strasse vor und warten ab.

An einer kleinen Verzweigung halten wir uns dann südlich und fahren noch einige Minuten parallel zum Hang entlang zum kleinen Weiler Pianezza auf 1111 m Höhe. Hier soll unsere Wanderung nun starten und wir parkieren auf einem kleinen Parkplatz neben der Strasse. Vorbei an den alten Häuschen steigen wir auf, passieren einen weiteren Weiler namens Utinàl (der sich anhört wie eines dieser wasserlosen Kunststoff-Dinger mit Werbung auf den Herren-Toiletten von Autobahnraststätten) und erreichen nun den schattenspendenden Wald. Diesen durchqueren wir nun auf den nächsten rund 300 Hm und treffen lediglich drei Esel an, wobei einer von ihnen eine Jeans-Latzhose trägt und uns auf seinem Moped entgegen kommt. Wir befinden uns, wohl bemerkt, auf einem steilen, steinigen und verwurzelten Wanderweg. Die beiden anderen Esel lassen es sich auf ihrer Weide gut gehen und bimmeln mit ihren Glöckchen fröhlich vor sich hin.

Wir verlassen einige Zeit später den Wald und erreichen bei Grüpell wieder eine herrliche, sonnige Terrasse oberhalb des Blenio-Tals. Wieder geht es über Wiesen hinauf bis zu den Alphütten von Sosto auf 1553 m. Hier müssen wir einen schmalen Korridor von einer Kuhweide durchqueren, aber ansonsten haben wir endlich einmal etwas Ruhe und müssen nicht durch Herden von Mutterkühen hindurch marschieren.

Von Sosto aus sind es noch 200 Höhenmeter bis zur Capanna Pian d’Alpe, einer kleinen, bewirtschafteten Hütte rund 400 m unterhalb des Gipfels des/der Matro (ist dieser Gipfel weiblich oder männlich?). Wir passieren die Hütte, biegen rechterhand ab – und stehen vor dem uns wohl bekannten und lieb gewonnenen grünen Schild mit dem Hinweis, dass Mutterkühe ihre Kälber beschützen.

Scheisse. In nicht allzu weiter Entfernung hört man es auch bereits bimmeln und nach einem kurzen Kartenstudium beschliessen wir, dass wir hier abbrechen und nicht weiter gehen möchten. Jetzt kann man sich fragen, warum wir es nicht einfach mal probieren? Der Punkt ist, dass man in diesen Situationen nicht die Möglichkeit hat, später noch umzukehren, denn dann könnte es zu spät sein. Auch wenn die Tieren momentan vielleicht nicht direkt auf dem Weg und vor dem Weidezaun stehen, wird das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit beim Rückweg der Fall sein – und auch hier haben wir wieder einmal die Situation, dass ein Umgehen der Weide schlicht nicht sinnvoll möglich ist. Wenn dann etwas passiert, wird jeder (inklusive der liebenswerten Tierversteher) sagen, dass man ja auch nicht mitten durch die Tiere hindurch gehen soll. Das wissen nur die dummen Touristen alle nicht mehr und sind deswegen selber schuld.

Wir sind also statt dummer Stadt-Touristen lieber feige Würstchen und beenden unseren Aufstieg an dieser Stelle kurz nach der Cap. Pian d’Alpe, ohne ein weiteres Zusammentreffen mit Mutterkühen zu provozieren. Wieder einmal steht es 1:0 im Spiel Bauern gegen Tourismus – und wieder einmal wird sich natürlich nichts ändern. Im Gegenteil, wir sollten besser vor Dankbarkeit niederknien: der Besitzer hat ja sogar schon mehr als seine Pflicht getan, das Schild aufgestellt und eine entsprechende Versicherung gegen Zwischenfälle mit Wanderern und Kühen wird sicherlich auch abgeschlossen worden sein. Alles andere muss ja dann Sache des Touristen sein.

Der Tourist verzichtet dann in unserem Fall auf das Einkehren in der eigentlich schön gelegenen Hütte (wenn schon, dann dürfen alle etwas davon haben, beziehungsweise eben auch nicht – der Dank gebührt dem Weidebesitzer, der den kleinen Teil des Wanderweges auch durchaus hätte auszäunen können, ohne dass die Kühe den Hungertod sterben müssten) und macht sich einmal mehr in bester Stimmung an den Abstieg.

Es geht für uns nun wieder auf dem gleichen Weg zurück, beim Weiler Pozzo di Dentro machen wir dann in der Sonne noch eine längere, gemütliche Pause und freuen uns trotzdem über die schöne Aussicht über das Valle di Blenio und auf die Berge der gegenüberliegenden Talseite. Anschliessend machen wir uns an den weiteren Abstieg und erreichen ohne weitere nennenswerte Zwischenfälle nach einiger Zeit wieder unser in der Sonne mittlerweile auf Saunatemperaturen gebrachtes Auto. Über die kleine Strasse fahren wir hinunter ins Tal und beenden so eine nicht erfüllende Wanderung in den Tessiner Bergen.

 

Details zur Tour

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