In feinster Manier auf den Lukmanier

Nach unserer etwas missglückten Wanderung von gestern satteln wir heute wieder auf die Rennräder um, um die Passstrasse aus dem Valle di Blenio auf den Lukmanier zu fahren. Bevor wir los können, habe ich aber noch ein Problem zu lösen. Seit einigen Tagen ist ein kleiner Riss im Mantel meines Hinterrads und mir wird langsam unwohl, mit dem Ding noch länger durch die Gegend zu fahren. Während ich also die Reste des Frühstücks beseitige, fährt Falko schnell zum nächsten Fahrradladen in Biasca und holt einen neuen Reifen. Hmm, ich war noch nicht mal aus dem Haus und bin schon um 60 CHF ärmer … Naja, so ist das halt.

Dann bekomme ich noch einen Schnellkurs im Reifenwechseln – das habe ich nämlich immer noch nicht gelernt – und hoffe, dass ich das im Fall des Falles auch mal alleine hinbekommen würde *zweifel, zweifel*. Wir schlüpfen in unsere Radbekleidung und schon sind wir auf der Strasse und rollen vom Casa Vignaccia die Auffahrt von Lottigna hinunter. Gleich ab hier fährt jeder sein eigenes Tempo, irgendwo an der Passstrasse werden wir uns dann ja wieder treffen. An der Kantonsstrasse geht’s nach rechts und wir fahren über Aquila nach Olivone. Dort beginnt dann die eigentliche Steigung. Bis zur ersten Kehre zieht sich die Strasse gleich mal recht eintönig am Hang entlang und ich bin froh, dass mit der Kehre endlich mal was “passiert”. Dies ist aber typisch für den Anstieg zum Lukmanier (zumindest von dieser Seite aus dem Tessin her kommend) und ich werde noch des Öfteren einfach nur vor mich hin treten und nach Zerstreuung suchen.

Erst mal komme ich aber an Camperio vorbei, einem kleinen Weiler am Rande der Passstrasse, und weiter geht’s nach Campra. Hier kann man im Winter anscheinend sogar Langlaufen – im Sommer ist dies wohl eher eine Gruppenunterkunft für Schulklassen oder Pfadi-Trüppchen. Ich konzentriere mich wieder auf die Strasse und zapple der ersten Galerie entgegen. Die Steigung ist bisher ganz angenehm und ich fühle mich an sich ganz gut. Die Beine sind ein bisschen angespannt vom Bergablaufen gestern, aber es hält sich in Grenzen. Die Strasse macht mir dafür um so mehr Sorgen. Grösstenteils besteht sie noch aus alten Betonplatten. Und alte Betonplatten bröckeln leider mit der Zeit, grosse Schlaglöcher und unangenehmen Übergänge zwischen den Platten entstehen, werden notdürftig geflickt und platzen nach dem Winter wieder auf. Nicht gerade das, was man sich für eine Passabfahrt wünscht. Jetzt bin ich aber noch im Aufstieg und es ist nicht weiter schlimm – das Gerumpel beim Übergang der Platten nervt eben ein bisschen …

Als nächstes durchquere ich einen kleinen Tunnel, anschliessend öffnet sich der Blick auf die Alp Pian Segno. Ab hier bläst mir auch immer mal wieder etwas Wind um die Nase, leider aus der Richtung, in die ich fahren will, was mich weniger erfreut. Die Strasse führt nun auf der anderen Talseite entlang, ich lasse die kleine Hochebene von Pian Segno unter und hinter mir, als Falko plötzlich vor mir auftaucht. Ich radle schon mal weiter, während er einen “Wendeplatz” sucht und wieder zu mir aufschliesst. Gemeinsam kommen wir nach Acquacalda und legen einen kurzen Stop neben dem Pro Natura Zentrum ein. Die Terrasse des neu gebauten Restaurants sieht gemütlich aus – aber wir haben leider ein anderes Ziel. Nachdem der Müsliriegel verdrückt ist, fahren wir gleich weiter. Auch die letzten Kilometer bis zur Passhöhe haben eine moderate Steigung, allerdings ist der Gegenwind hier oben um einiges stärker.

Nach einem letzten kleinen Tunnel ist es dann schon fast geschafft und nach einer weiteren ausgedehnten Rechtskurve ist die Passhöhe bereits in Sicht. Der eigentliche Scheitelpunkt des Passes liegt in einer knapp zwei Kilometer langen Galerie oberhalb des Lai da Sontga Maria, weshalb wir als Zielpunkt das Hospiz an der Kantonsgrenze zwischen Tessin und Graubünden wählen. Dort steht ja auch das Schild mit “Passo del Lucomagno” auf 1914m ü. M.

Wir schiessen ein paar Fotos und machen uns dann über die gleiche Route wieder an die Abfahrt vom Lukmanier. Falko hält immer wieder an, um schöne Bilder zu knipsen, während ich mich voll und ganz auf die Strasse konzentriere. Wenn man wie ich die Passabfahrten nicht so gerne mag, machen es in die Jahre gekommene Betonplattenstrassen nicht gerade einfacher. Ich versuche so gut als möglich den grössten Schlaglöchern auszuweichen, nicht zu schnell zu werden und durch das Geruckel keine Gehirnerschütterung zu bekommen.

Die ganze Fahrt über werde ich durchgeschüttelt, es holpert und poltert, dass man denken könnte mein Velo fällt gleich in alle Einzelteile auseinander. Erstaunlicherweise tut es das aber nicht und mit andauernder Fahrt werde ich auch etwas sicherer. Trotz Foto-Stopps holt mich Falko aber immer wieder ein und zischt an mir vorbei. Das Tempo wäre mir auf jeden Fall zu halsbrecherisch und ich quäle lieber meine Bremsen weiter.

Endlich erreichen wir Olivone und lassen somit den grössten Teil der Abfahrt und die Betonplatten hinter uns. Ab jetzt geht es wieder durch Aquila bis nach Lottigna zurück. Wir machen uns einen gemütlichen Nachmittag und geniessen La Dolce Vita.

Details zur Route

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