Mit dem Rennrad nach Nara: Schleichwege im Valle di Blenio

Aktivitäten, Rennvelo

Nach einem gemütlichen Frühstück starte ich am Mittwoch Vormittag mit dem Rennrad und mache mich auf, um erneut in Richtung Lukmanierpass zu fahren. Dieses Mal möchte ich aber kurz nach Olivone abbiegen und zum Lago di Luzzone hinauf fahren, beziehungsweise mich hinauf quälen: die Strasse zur Staumauer ist elend steil, das haben wir bei unserer Wanderung über den Passo Soreda bereits festgestellt.

Anfangs führt mich die Strasse aber erst einmal auf der gleichen Route wie am Vortag nach Olivone. Bereits kurz nach dem Start brennen die Beine und ich frage mich, ob diese Schnapsidee mit dem Lago di Luzzone wirklich eine gute Idee war … Ich schalte also mal lieber einen Gang runter und passiere die zwei Kehren in Aquila, die darauf folgende Baustelle mit Ampel (die natürlich wie immer rot ist, wenn ich ankomme) und erreiche bald darauf Olivone. Vor dem Ortseingang überhole ich noch zwei andere Rennvelo-Fahrer, die (je mit einem kleinen Rucksack ausgestattet) sicherlich auf den Lukmanierpass fahren wollen.

Direkt vor dem Ortsausgang von Olivone biege ich heute rechts ab und befinde mich sofort im steilen 10%-Abschnitt hinauf zur Galleria della Töira, einem knapp anderthalb Kilometer langen, schnurgerade Tunnel, der Olivone mit Campo Blenio durch die Cima di Töira verbindet. Marina hat mich schlauerweise darauf hingewiesen, ein kleines Rücklicht mitzunehmen. Obwohl mich dieses Mehrgewicht von 40 Gramm sämtliche Chancen auf die Bergpreiswertung kosten wird, habe ich es an der Sattelstütze angebracht und schalte es nun auch, kurz bevor ich den Tunnel erreiche, brav ein.

Der Tunnel selber ist zum Glück nicht so steil, mit rund 4% Steigung kann man hier recht angenehm durchfahren und mir bleibt sogar genug Atem übrig, um nach einem Schluck aus meiner Trinkflasche einen herrlich wiederhallenden Rülpser von mir zu geben.

Als ich einige Zeit später auf der anderen Seite des Berges wieder erscheine, befinde ich mich im Schatten, wo es noch relativ kühl ist. Aber solange ich in Bewegung bin, lässt es sich aushalten. Es folgen noch einige Kurven mit wenig Steigung, bis ich mich in Campo Blenio befinde und rechterhand Richtung Ghirone fahre. Ab hier führt die Strasse durch ein hübsches, kleines Neubauviertel, bevor sie rechts hinauf abbiegt – und nicht mehr existiert. Ich schaue mir etwas erstaunt das Massaker an, das ein grösserer Hangrutsch vor einiger Zeit hier angerichtet hat – zu Fuss käme man da eventuell hinauf, mit dem Fahrrad (noch dazu mit so einem Dünnreifengeschoss) hat man keine Chance. Ich fahre also links noch ein paar Meter eine andere Strasse entlang, tue für ein paar vor ihrem Haus sitzende Blenio-Ureinwohner so, als hätte ich das alles gewusst und bin nur hier, um wieder umzudrehen und mache mich dann wieder auf den Rückweg nach Campo Blenio.

Durch den Tunnel rausche ich wieder hinunter (in diese Richtung geht es definitiv leichter und man kann dabei in wunderbarer Klangkulisse sehr schön singen) und erreiche bald endlich wieder die Sonne und kurz darauf die Abzweigung, wo es links nach Olivone und rechts zum Lukmanierpass geht. Hier fahre ich nun rechts – ich will ein Stück hinauffahren und anschliessend eine winzige Strasse nehmen, die mich bis zum Mini-Skigebiet Nara auf 1575 m Höhe bringen soll.

Nach ein paar Kilometern DDR-Autobahn-Feeling auf den wunderschönen Betonplatten erreiche ich die Abzweigung und ein grosses rotes Verbots- und Baustellenschild. Es steht aber irgendetwas vom 26. August darauf und da heute der 24. August ist, beschliesse ich, dass das (was auch immer es ist) für mich nicht gilt.

Für viele folgende Kilometer eiere ich nun auf einer schmalen, einspurigen Strasse westseitige des Valle di Blenio entlang. Der Belag ist wechselhaft geflickt, mit Aussicht auf Schlaglöchern und einigen wenigen, kurzen Schotterpassagen. Obwohl ich hinter jedem Rustico, an dem ich vorbei fahre, erwarte, von einer hundeartigen Bestie rücklings angefallen und mitsamt Rad gefressen zu werden, passiert das nicht und ich erreiche lebendig eine Abzweigung auf 1216 m. Hier muss ich mich entscheiden, ob ich wieder ins Tal fahren soll oder weiter hinauf in Richtung Nara. Die Entscheidung fällt angesichts des Strassenzustandes der talwärts führenden Strasse leicht und ich mache mich an die nächste von einigen bissigen Steigungen, die mich weiter und weiter hinauf führen.

Der Anstieg hier hat es durchaus in sich, Rampen mit 10-15% sind immer mal wieder zu finden und mit meiner Angeber-Übersetzung von 39-26 ist es mit der Coolness schnell vorbei. Zumindest sind die steilsten Stücke nicht allzu lang …
Die Aussicht von hier oben hinunter ins Valle di Blenio ist auf jeden Fall wirklich beeindruckend und schön und ich halte immer mal wieder kurz an, um einige Fotos zu machen. Auch der Blick auf die gegenüberliegende Bergseite ist herrlich, ebenso wie die Tatsache, dass ich das Zusammentreffen mit dem rasenden Bergbauern in seiner Fiat-Schleuder gerade überlebt habe. Frohen Mutes nehme ich die letzten Kilometer in Angriff, bis ich endlich eine weitläufige Geländeterrasse auf rund 1500 m Höhe erreiche, wo sich das Skigebiet Nara befindet. Auch wenn der Sessellift mehr Ähnlichkeit mit einem Gehäkel aus Büroklammern hat, scheint es hier im Winter die ein oder andere Piste zu geben, momentan liegt aber alles im Sommerschlaf.

Ich passiere nacheinander Pianezza, Piede del Sasso, Pro Marsgial (eventuell handelt es sich hierbei auch um eine Vereinigung für grüne extraterrestrische Touristen), Addi und Foppa und lege eine Pause ein, um das Panorama zu bestaunen und weitere Fotos zu schiessen. 1000 m tiefer liegt das Valle di Blenio und unsere Unterkunft bei Lottigna, die ich sogar von hier oben aus sehen kann.

Nachdem ich die letzten hundert Meter quasi auf der Wiese gefahren bin (es wurde gerade Heu gemacht und das lag dann einfach überall, so dass man die Strasse eher erahnen als sehen konnte), wird es ab hier deutlich besser und auf frischem, schlaglochlosem Asphaltbelag kann ich nun die lange Abfahrt zurück ins Tal antreten. Allzu viel Geschwindigkeit erreicht man hier nicht, oder sollte man zumindest nicht, denn die Kehren sind schmal und in grosser Anzahl vorhanden. Serpentine um Serpentine schraube ich mich nun hinunter und erreiche mit glühenden Felgen und schmerzenden Händen irgendwann Leontica auf 869 m. In diesem kleinen, verschlafenen Nest ist nicht viel los, ein paar Bauarbeiter vor ihrer Stammkneipe mustern mich misstrauisch und ich mache mich schnell über die nach Comprovasco führende Strasse vom Acker. Hier ist es nun auch wieder zweispurig und nach weiteren 300 Höhenmetern Abfahrt gelange ich dann endlich auf den Talgrund und die Kantonsstrasse, wo ich links wieder Richtung Lottigna und Olivone abbiege. Nicht ohne mich vorher beim freihändigen Fahren und Auspacken eines Müsliriegels beinahe sauber auf die Fresse gelegt zu haben.

Ab hier sind es nur noch wenige Kilometer, wieder einmal ansteigend, hinauf zum Abzweig nach Lottigna und unserem Feriendomizil, dem Casa Vignaccia. Eine schöne Runde, die augenscheinlich nicht gerade zu den üblichen Rennrad-Touren gehört, geht damit zu Ende und ich verschwinde unter der Dusche, bevor es später am Tag noch an den Lago Maggiore und nach Locarno geht.

Details zur Route

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