Von mediterran bis alpin: Klimazonen-Karussell am San Bernardino

#storyVelo

Falko möchte unbedingt einmal die gesamte Strecke von (fast) Bellinzona bis auf den San Bernardino Pass fahren. Das sind knapp 50 Kilometer und gute 1800 Höhenmeter. Eigentlich eine Nummer zu gross für mich, denke ich. Aber da es wenig Sinn macht, dass ich ein Teilstück mit dem Bus fahre, oder ähnliche Experimente versuche, haben wir beschlossen, dass ich einfach mal mitfahre und schaue, wie weit ich komme und Lust habe. Da wir die Strecke getrennt fahren, schildert aber erst mal Falko seine Eindrücke, schliesslich liegt er in der Spitzenposition:

Direkt nach unserer Abfahrt in Lumino auf 267 m.ü.M. trennen sich erstmal Marina’s und mein Weg. Wir wenden wieder unser bewährtes Prinzip an: ich fahre mein Tempo, drehe dann oben am San Bernardino-Pass um und komme ihr wieder entgegen. Den Rest des Weges fahren wir dann gemeinsam.

 

Heute wird das aufgrund der Länge des Anstieges eine ganze Weile dauern, knappe 50 Kilometer sind es bis zur Passhöhe von unserem Startpunkt an einem kleinen Parkplatz an der Kirche. Mein motivierter Start wird direkt nach Lumino sofort wieder von einer Baustelle und der roten Ampel gestoppt und auch in Piazza muss ich an der engen Ortsdurchfahrt und der Ampelanlage nochmals anhalten. Danach ist aber erst einmal freie Fahrt angesagt und ich kann mich voll und ganz auf die Strasse vor mir konzentrieren. Via Leggia und weiteren Ortschaften erreiche ich ein elend langes, schnurgerades Stück Strasse vor Lostallo. Das ist aber auch schon die einzige „interessante“ Abwechslung, die ich bis Cabbiolo bekomme. Erst kurz vor Arabella geht es das erste Mal nennenswert zur Sache und einen kleinen, kurzen und knackigen Anstieg einige Meter hinauf – nicht viel, aber genug, um doch besser vom grossen auf das kleine Kettenblatt geschaltet zu haben. Sonst kann man bereits hier ein paar Körnchen verpulvern, die später noch nützlich wären, so wie ich das hier gerade tue.

 

Momentan ist das Wetter noch leicht bewölkt, aber trotzdem bereits sehr warm und fast ein wenig schwül. Die Palmen in den Gärten vieler Häuser verstärken das mediterrane Gefühl noch und man freut sich schon ein wenig auf die kühlere Luft, die einem viele anstrengende Kilometer später um die Nase wehen wird.

 

Anschliessend folgt die Strasse mehr oder weniger geradeaus dem Verlauf der Moesa, bis links die steile Strasse nach Soazza abzweigt und mir anzeigt, dass ab hier der eigentliche Anstieg hinauf zum San Bernardino-Pass beginnt. Obwohl man bereits bis hierher knappe 400 Höhenmeter überwunden hat, stehen jetzt rund 1600 Höhenmeter bis zur Passhöhe (inklusive kleiner Gegensteigungen) an – über die Zahl denkt man jetzt besser gar nicht nach, sondern fährt einfach.

 

Genau das tue ich jetzt und fahre direkt nach Soazza unter der Autobahn der San Bernardino-Route hindurch und gewinne stetig an Höhe. Die Strasse fackelt auch nicht lange und legt direkt mal satte Steigungswerte auf, die maximal noch knappe zweistellige Geschwindigkeiten zulassen. So geht es rund 200 Höhenmeter hinauf, bis in das kleine Örtchen Mesocco – wunderschön gelegen, tolle alte Häuser und einer wunderbaren, irgendwelchen Randbezirken einer ehemaligen DDR-Stadt in nichts nachstehenden Kopfsteinpflaster-Hauptstrasse, die sich durch den Ortskern windet. Nicht nur ein paar Meter, nein, das geht gleich mal für rund eineinhalb Kilometer so. Damit man sich nicht daran gewöhnt, fängt sie ab der Hälfte auch noch an, saftig anzusteigen und nimmt einem damit jegliche Ambitionen, dieses Miststück so schnell wie möglich hinter sich zu bringen.

 

Mit einer leichten Gehirnerschütterung habe ich es irgendwann geschafft und gewinne in einigen wilden Serpentinen weiter an Höhe. Direkt neben mir führt momentan die Autobahn entlang, aber der Geräuschpegel ist erträglich und stört nicht weiter. Während die Autobahn in grossen, beneidenswert flachen Schleifen auf der anderen Talseite an Höhe gewinnt, ist die Strasse hier ziemlich humorlos und zwingt mich in bis zu 12% steilen Passagen durchaus zu einem gewissen Kraftakt.

 

Bei Salec befinde ich mich mittlerweile bereits auf über 1100 m Höhe und geniesse das kurze, flachere Stück, bevor es anschliessend wieder in den Wald hinein und zwischen dichten Nadelhölzern zu einem weiteren Serpentinen-Stück geht, welches mich an einer Weide mit einigen Kühen und einem Esel vorbei führt. Ein herzzerreissendes Bild: die Kühe liegen alle gemeinsam da, während der Esel einsam ein paar Meter nebenan steht und sehnsüchtig zu den Kühen schaut.

 

Mit diesem traurigen Bild im Kopf mache ich mich kummervoll daran, den nächsten Abschnitt mit wild umher zuckenden Serpentinen anzusteuern, der mich ins Dorf San Bernardino bringen wird – nicht ohne vorher mit einem langen geraden Teilstück bei bösartiger Steilheit den Zeiger in den roten Bereich drehen zu lassen. Meine Melancholie weicht mörderischer Lust auf Kohlenhydrate und bevor es schlimmer wird, werfe ich einen Müsliriegel ein und schiebe ein paar Traubenzucker-Stückchen hinterher. Einen letzten kleinen Anstieg später ist es erstmal geschafft und ich kann mich auf einem flachen Teilstück hinein nach San Bernardino entspannen. Die Umgebung hier erinnert etwas an eine gepflegte Vorstadt-Atmosphäre, mit den am Rand stehenden Häusern und der mit Bäumen gesäumten Strasse samt Gehweg.

 

Da meine beiden Bidons langsam, aber stetig zur Neige gehen, mache ich einen kurzen Halt an einem Brunnen und fülle die Flaschen an seinem kräftigen Wasserstrahl neu auf. Anschliessend führt die Strasse durch den Dorfkern von San Bernardino und an der Autobahn-Auffahrt vorbei, die ich aber links liegen lasse. Weiter geht’s, hinauf zum letzten Teilstück, welches mich in rund 400 Höhenmetern auf den Pass bringen wird. Rechts liegt ein alternder Campingplatz mit vielen italienischen Gästen, vor mir steigt die Strasse weiterhin durch die Nadelwälder an. Kurz darauf, auf rund 1700 m ü.M., verlässt das graue Asphaltband dann aber den Wald und ich trete in die nächste, waldlose alpine Zone ein, die mich mit buschigem Bewuchs und vielen Kehren weiter hinauf führt. Auf einem längeren, geraden Stück beobachte ich argwöhnisch einen herumtollenden Hund, aber der scheint wenig Interesse an dem schwitzenden Individuum auf Kunststoffrohren zu haben und so kann ich mich unbehelligt an die nächste Serpentine machen. Sie führt mich in einer scharfen 180°-Kurve fast wieder zurück, bevor es dann auf ein riesiges, steinernes UFO zugeht, welches sich bei näherem Hinschauen aber als einer der gigantischen Luftschächte des San Bernardino-Scheiteltunnels entpuppt.

 

Ich bin jetzt auf 1960 m Höhe, was bedeutet, dass ich es bald geschafft habe – nur noch wenige Kehren, eine kleine Baustelle und dann führt mich die Strasse in einem letzten Aufbäumen hinauf zu einer Stelle, wo ich bereits vorher viele Steinmanndlis und Menschen mit Kameras habe stehen sehen – meist ein untrügliches Zeichen dafür, dass entweder etwas passiert ist oder der Pass seinen Höhepunkt erreicht hat.

 

Letzteres ist der Fall, zumindest fast: ab hier muss ich der Strasse nur noch rund einen Kilometer am Laghetto Moesola entlang folgen, einem kleinen Bergsee direkt an der Passhöhe. Dann steht vor mir das Ospizio und ein langer Anstieg aus dem mediterranen Tessin findet sein Ende.

 

Nach einer kurzen Pause mache ich mich direkt an die Abfahrt und geniesse es, die vielen Kehren des oberen Teilstücks hinunter zu rauschen. Kurz vor San Bernardino-Dorf treffe ich dann bereits auf ein Dreiergespann: ein drahtiger Italiener namens Claudio, dahinter eine eifrig tretende Marina und quasi in ihrem Windschatten ein Radfahrer auf einem vollbepackten Tourenrad. Nach der nun folgenden Kehrtwende schliesse ich wieder zu Marina auf und mache mich an ihrer Seite daran, die letzten 350 Höhenmeter erneut zu fahren, bis wir schliesslich beide gemeinsam die Passhöhe erreichen.

Bevor Falko mir auf dem letzten Teilstück der Passfahrt entgegen fährt, hatte ich allerdings einiges zu überwinden.

Nachdem wir uns in Lumino getrennt hatten, sah ich Falko nur noch ein paar Minuten von hinten – an der Baustellenampel hätte ich ihn fast nochmal eingeholt, aber dann hat sie umgeschaltet, Falko war weg und ich musste bis zur nächsten Grün-Phase warten – und schon war er ausser Sichtweite und ich alleine.

Mein Ehrgeiz an dem Unternehmen war natürlich geweckt und von den popeligen 267 m ü. M. wollte ich mindestens bis nach San Bernardino Dorf auf über 1600 m ü. M. kommen. Eine ordentliche Ansage, aber meine Beine fühlen sich ganz gut an, ich hab genügend zu Essen dabei, im Tessin stehen überall genügend Brunnen, so dass ich mit einer Trinkflasche auskommen werde und meine Einstellung stimmt auch. Also warum nicht.

Zwischen Leggia und Cama muss man einmal die alten Gleise einer Schmalspurbahn überqueren. Dabei bemerke ich plötzlich, dass ich Gesellschaft bekommen habe. Irgend so ein Italiener fährt in meinem Windschatten. Aber soll er ruhig, ich fahre einfach mein Tempo weiter und denke mir, dass er mich dann sowieso bald überholen wird. Tut er aber nicht. Nach ein paar weiteren Kilometern fährt er neben mich und wir unterhalten uns ein wenig. Das ist allerdings gar nicht so einfach, da er kaum Englisch spricht und sich meine Italienischkenntnisse auf Ciao, Grazie und ein paar verschiedene Nudelsorten beschränken. Aber wenn man will geht alles und wir verstehen uns ganz gut. Dann übernimmt er auch mal die Führungsarbeit und ich komme mir (wie meistens) blöd vor, wenn ich bei fremden Leuten im Windschatten fahre. Er hat ein ganz gutes Tempo drauf und an kleinen Steigungen, die vor uns liegen, muss ich immer mal wieder abreissen lassen und denke mir: So, ab jetzt musst du wieder alleine klar kommen. Aber immer wieder dreht sich der Italiener mittleren Alters nach mir um, fährt ein paar km/h langsamer und lässt mich wieder ranfahren. Na wenn das so ich, macht sich mein schlechtes Windschatten-Gewissen ganz schnell aus dem Staub und ich bin froh, einen Begleiter gefunden zu haben.

Der kleine Anstieg nach Mesocco hinauf verdeutlicht nochmals unsere unterschiedlichen Fitness-Zustände, aber anstatt einfach sein Tempo weiter zufahren, dreht mein Begleiter ein paar Runden am Ortseingang und lacht mir entgegen, als ich wieder aufschliesse. Jetzt geht’s über das tolle Kopfstein-Asphalt-Pflaster, über welches sich Falko vorhin schon so gefreut hat. Ich bin allerdings so damit beschäftigt mein Gleichgewicht zu halten, dass es mir an dieser Stelle gar nicht auffällt, wie steil es eigentlich ist.

Nach dem Ortsausgang fahren wir über wilde Kehren und fiese Anstiege weiter in Richtung Pian San Giacomo. Teilweise sind die kurzen Rampen hier echt steil und ich hab ganz schön zu kämpfen. In jeder Linkskurve wird die Kehre deshalb so weit als möglich ausgefahren, um möglichst lange flachen Boden unter den Rädern zu haben. Wenigstens ist nicht viel Verkehr und so fahren wir nebeneinander und quatschen – so gut es eben geht. Mittlerweile habe ich erfahren, dass mein Begleiter Claudio heisst und jetzt schon zum (circa) fünften Mal auf den San Bernardino Pass fährt. Anscheinend ist er sowieso viel mit dem Rennvelo auf längeren Touren unterwegs – hab ich mir fast gedacht, bei den Waden!

Claudio hält mich dazu an stets langsam zu fahren „Marina, piano, piano!“. Ja, wenn ich noch langsamer fahre, falle ich aber wirklich um. Teilweise fällt meine Geschwindigkeit unter die gefährliche 6 km/h Marke, Hilfe! Auch sagt er mir, dass es jetzt bald flach durch Pian San Giacomo geht. Gesagt, getan. Wir bringen die letzten zwei Kehren hinter uns und rollen dann durchs flache Dörfchen und meine Beine entspannen sich ein wenig auf der kurzen Durchquerung.

Im Anschluss erreichen wir ein Waldstück (nein Falko, ich hab den Esel leider nicht gesehen) und überschreiten dort die Marke von 1200 m ü. M. – juhuui! Die Freude über die anschliessende Symphonie der grausamen Kehren weckt bei mir allerdings weniger Entzücken. Claudio versucht mir klar zu machen, dass es bis San Pian Giacomo gemächlich ging, danach steigt es immer mehr an, bevor es dann richtig (!) steil wird. Aha, das baut mich nicht auf, mein italienischer Freund.

Fast 20 Kehren trennen mich noch von meinem selbst gesteckten Ziel – San Bernardino Dorf. Allerdings sind einige der Kehren und viele der dazwischen liegenden Rampen wirklich steil und ich kämpfe mit meinem Ego um die Wette. Die Kehren sind so verworren, dass ich fast schon nicht mehr weiss in welcher Richtung mein eigentliches Ziel liegt, denn jede einzelne zeigt gefühlt in eine komplett andere Himmelsrichtung. Auf 1539 m ist dann die vorerst letzte Serpentine überwunden – bevor es nochmals richtig zur Sache geht. Die fast kerzengerade Strasse bis zum Abzweig zum Lagh de Pian Doss ist zermürbend steil und macht den Anschein als würde sie nie enden wollen. Aber auch das geht vorbei, Claudio empfängt mich kurz vor der Sattelhöhe, die wir anschliessend nach San Bernardino hinunter rollen und gratuliert mir zu meiner Leistung, es bis hierher geschafft zu haben.

Der Fahrtwind der kurzen Abfahrt sorgt für Abkühlung und ich kann die Einfahrt ins kleine Dörfchen richtig geniessen. An einem Brunnen machen wir halt und füllen unsere Flaschen auf. Mit einem herausfordernden Lächeln erzählt mir Claudio, dass es nur noch 4 Kilometer sind bis auf die Passhöhe und dass es dort wunderschön sei. „Go?“ fragt er mich und ohne lange überlegen zu müssen bin ich dabei und wir machen uns an den weiteren Aufstieg.

Bei unserer Abfahrt starten wir gerade hinter einem jungen Kerl auf einem schwer bepackten Trekkingrad – und ich ahne schon das Desaster. Ich bin jetzt schon fix und fertig und eigentlich nur daran interessiert, irgendwie auf die Passhöhe zu kommen. Für Claudio erfolgte die bisherige Fahrt ja eher in einem Sparmodus und so verfügt er über genügend Reserven – neben denen, die er mir an sich schon voraus hat. Und sein italienischer Männerstolz wird ihn nun, da bin ich mir ganz sicher, nicht erlauben, hinter einem Trekkingradfahrer die letzten Kilometer zur Passhöhe hinter sich zu bringen. Ich andererseits brauche ein Hinterrad, welches mich die letzten 400 Höhenmeter hinaufziehen kann. Also beisse ich in den sauren Apfel und als wir an der Autobahnauffahrt vorbei sind, zieht Claudio das Tempo etwas an, vergewissert sich, dass ich noch im Windschatten hänge und dann überholen wir den Trekking-Rad-Typ.

Claudio behält das Tempo bei, aber ich kann das nicht lange mithalten und werde gaaanz langsam aber sicher langsamer. Ich kann nun meinen eigenen „Verfolger“, der wahrscheinlich genau so gerne wie ich ein Hinterrad als Motivation vor der Nase hat, nicht abschütteln und so fahren wir als Dreiergespann erst mal so weiter.

Gerade als wir die letzten Bäume hinter uns lassen, kommt mir Falko entgegen geschossen. Claudio ist schon ein Stückchen voraus und ich trete fleissig weiter, bis Falko nach einem Wendemanöver wieder an meiner Seite radelt. Ich erzähle ihm von meinem Begleiter voraus und er freut sich, dass ich es mit zusätzlicher Motivation schon bis hierher geschafft habe. Mein Blick hängt indessen nur an meinem kleinen Tacho. Im Dorf, als Claudio mir gesagt hat, dass es nur noch 4 Kilometer wären, hatte ich ziemlich genau 40.4 km auf dem Tacho – und jetzt beobachte ich jede Zahl, die diesen Wert langsam aber stetig der 44.4 entgegen schiebt. Irgendwie muss ich mich ja von meinen Schmerzen in den Füssen, Beinen, der Hüfte, dem Rücken und dem Nacken ablenken …

Aber als die 44.4 auf dem Display erscheint und ich gerade erst den riesigen Luftschacht des Autobahntunnels erreiche, wird mir die Sache klar – die 4 Kilometer Zielentfernung, die mir Claudio aufgeschwätzt hat sind das italienische Pendant zu Falko’s Lieblingsaussage „Es ist nicht mehr weit“! Und ich hab’s natürlich mal wieder geglaubt. Denn es ist ja nie wirklich weit.

Jetzt zieht auch noch der Trekkingradfahrer an mir vorbei und ich breche fast ein. Im Schneckentempo überwinde ich die letzten Kehren, fahre durch die winzige Baustelle und komme dann endlich – nach der letzten fiesen Rampe und knapp 2000 Höhenmetern – ganz oben an! Falko ist noch ein bisschen weiter unten, um Fotos zu knipsen, aber den letzten Kilometer am See entlang bis zum Ospizio muss ich doch nicht alleine fahren. Claudio hat hier oben tatsächlich auf mich gewartet und gemeinsam legen wir die letzten Meter zurück. Das hat mich wirklich sehr gefreut – ich hätte nicht gedacht, dass ich hier oben auf ihn treffen würde und er hier vorne auf mich wartet, um gemeinsam mit mir ins Ziel zu fahren.

Am Ospizio machen wir natürlich noch ein Pass-Foto und tauschen Kontaktdaten aus, bevor ich mich nochmals bei ihm bedanke. „Mille grazie“. Claudio macht sich schon an die Abfahrt, während wir noch Riegel und Traubenzucker mampfen, Fotos schiessen und uns dann auch bereit machen. Falko fährt voraus, ich in meinem eigenen Tempo hinterher. So entstehen immer wieder grössere Lücken zwischen uns, aber ich fahre einfach durch und Falko macht immer wieder Foto-Stops – so kommt’s dann fast aufs Gleiche raus.

In San Bernardino wartet noch der kleine Gegenanstieg auf uns – aber mit etwas Geduld komme ich auch über diesen hinweg, bevor die wilder Fahrt ins tiefe, tiefe Tal weiter geht. Nach dem wilden Gezacke und am Esel vorbei rollen wir wieder durch Pian San Giacomo, um noch mehr Kehren hinter uns zu lassen – bis wir dann nach Mesocco kommen. Das Kopfsteinpflaster-Gerumpel gibt mir für heute wirklich den Rest und neben den bisherigen Schmerzen tun nun auch alle anderen Körperteile weh und ich bin komplett durchgeschüttelt.

Dafür wird die Abfahrt jetzt entspannter. In weiten Kurven und auf guter Strasse sausen wir gen Tal. Vorbei an Soazza, Cabbiolo und Lostalle verlieren wir die letzten Höhenmeter und strampeln uns durch Leggia, Grono und Roveredo bis zu unserem Ausgangspunkt in Lumino zurück.

Am Auto angekommen will ich nichts ausser Sitzen und Essen – was ich auch sogleich tue, während Falko die Räder auseinanderbauen und alles im Kofferraum verstauen darf. Mir tut zwar alles weh, ich bin völlig im Eimer und kurz vor einem Hungerast – aber ich bin zufrieden und stolz, doch bis ganz oben gekommen zu sein.

 

 

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