Vom Haidersee zum Ofenpass

Aktivitäten, Pässe, Rennvelo

Nach unserem Wechsel vom Tessin ins Vinschgau und einer schönen Wanderung gestern auf das Grosshorn direkt hinter unserer Unterkunft, steht heute die erste Ausfahrt mit den Rennrädern auf den Ofenpass an. Wir starten direkt in St. Valentin auf der Haide, wo wir uns auf rund 1470 m.ü.M. befinden. Auf der SS40 fahren wir mit einem fetten Rückenwind hinunter nach Mals. Obwohl man es nicht so richtig bemerkt, verliert man dabei rund 400 Höhenmeter – und vergisst besser, dass wir nachher hier wieder retour müssen (man beachte auch den vorherigen Satz und die Windrichtung ).

Kurz vor Mals biegen wir dann rechts nach Burgeis ab, weil ich der Meinung bin, dass hier die grössere Strasse in Richtung Laatsch abzweigt. Tut sie nicht: nach einer Runde durch das romantische, kleine Dorf (mein O-Ton während der Fahrt klang etwas anders und beinhaltete unter anderem die Worte “Kaff” und “Scheisse”) auf ramponierten Strässchen gelangen wir einige Minuten später wieder auf die SS40, die uns erneut mit einer Autokolonne bestehend aus PKW, LKW und verrückten Holländern in Wohnmobilen begrüsst. Wir reihen uns also wieder ein und fahren noch einige Kilometer, bis wir dann direkt auf der Höhe von Mals die richtige Abbiegung erwischen und auf einer kleinen Strasse in Richtung und kurz darauf durch Laatsch hindurch fahren können.

Höhentechnisch befinden wir uns am Tiefpunkt unserer heutigen Tour, ab jetzt geht es in jede Richtung nur noch bergauf. Mit dieser beruhigenden Feststellung im Hinterkopf starten wir den Anstieg in Richtung Taufers im Münstertal. Wir erreichen den Ort (der letzte auf italienischer Seite) nach einigen Kilometern Fahrt auf der Kantonsstrasse, die uns im weiteren Verlauf hinauf in Richtung Ofenpass führen wird. Kurz nach Taufers gelangen wir an den Grenzübergang, den wir anstandslos passieren dürfen. Hoffentlich gilt das gleiche auch für den herrenlosen Hund, der uns direkt danach auf dem Gehsteig (brav, Wauwau) in Richtung Grenze entgegenkommt – mit einer Selbstverständlichkeit, die entweder beeindruckend oder beängstigend ist. Vielleicht geht er einkaufen, man weiss es nicht.

Nach einer kurzen Weiterfahrt über flaches Terrain durchqueren wir Müstair, wo wir vor einigen Jahren schon einmal auf einem Campingplatz waren. Diesen gibt es allerdings mittlerweile aufgrund von drohender Bergsturz-Gefahr nicht mehr, es hat aber vor wenigen Jahren ein neuer Campingplatz eröffnet, der wohl auch eine recht schöne Lage haben soll. Auf der engen Strasse fahren wir durch den malerischen, alten Ort hindurch, anschliessend steigt die Strasse wieder leicht an und hier trenne ich mich dann erstmal von Marina und fahre mein eigenes Tempo – unser übliches Prozedere bei Pässen und Anstiegen.

Die Strasse überquert hier nun den Rambach und verläuft auf der linken Seite, über einen kurzen Anstieg bis hinauf nach Sta. Maria. Auch dieser Ort wird auf einer engen Strasse durchquert. Kurz vor der Kreuzung, wo links die Strasse hinauf in Richtung Umbrailpass und Stilfser Joch abzweigt, hole ich noch drei Mountainbiker mit GoPro-Kameras auf ihren Helmen ein. Vor lauter Ehrfurcht ob so viel Coolness getraue ich mich gar nicht, sie zu überholen und warte ab, bis sie in die Strasse zum Umbrailpass abgebogen sind, um dort Heldentaten zu vollbringen.

Von diesen bekomme ich leider nichts mehr mit, es geht für mich nun steil einen kurzen Anstieg in Sta. Marina hinauf (der mich auf das vordere, total uncoole kleine Kettenblatt zwingt). Danach folgen bald die ersten beiden Kehren, die kurz hinter Valchava den Beginn des eigentlichen Anstieges markieren. Relativ steil geht es nun hinauf, es sind zwar “nur” Steilheiten zwischen 8-10%, aber durch die Strassenführung sieht man die überhaupt nicht und kommt sich vor, als hätte man wieder einmal den allerschlechtesten Tag zum Radfahren erwischt.

Rechts zweigt bald der kleine Zubringer nach Lüsai und Lü ab (man kann dort schöne, einfache Skitouren machen und sich die Hose im Schritt zerstören …). Nach einem weiteren Aufbäumen der Strasse und dem Passieren eines orangefarbenen Mannes, der mit seinem Laubbläser Kies und Staub in meine Richtung bläst (herzlichen Dank an dieser Stelle), erreiche ich Fuldera, wo es für einige Zeit erst einmal wieder flach wird. In einer lang gezogenen Rechtskurve führt die Route mich nun mit wenig Steigung bis nach Tschierv, wo ich wieder auf die rechte Seite des Flusses Il Rom wechsle.

Nach Tschierv ist dann endgültig Schluss mit lustig und die Steigung beginnt erneut. Zapfig geht es nun hinauf, wieder mit Steigungswerten, die man nicht sieht, die mir aber heute irgendwie recht ins Mark gehen. Anfangs verläuft die Strasse durch bewaldetes Gebiet und von meinem sauer verdienten Höhengewinn bekomme ich nicht einmal etwas mit. Daher freue ich mich auf die Serpentinen, die bald folgen werden, auch in der Hoffnung, dass die Strasse dort dann etwas flacher wird (weil sie nicht dem natürlichen Gelände folgen muss).

Diesen Gefallen tut mir das Biest natürlich nicht, ganz im Gegenteil: es zeigt mir gehörig die Zähne und legt nochmal ein paar Steigungsprozente drauf. Meine Verwünschungen helfen nichts, ab P. 1870 muss ich für den Rest des Anstieges mit gröberen zweistelligen Steigungsprozenten zurecht kommen. Es folgen drei Serpentinen, ein weiteres kurviges Stück bis zur letzten, in grossem Rechtsbogen verlaufenden Kurve hinauf zur Passhöhe und ich passiere eine Mutterkuhweide, die ich aber nicht überqueren muss. Ätsch! Nach einem kurzen Flachstück habe ich nur noch zwei Mountainbiker vor mir, die gerade die letzten Meter zum Ofenpass hinauf fahren. Natürlich reicht es mir nicht mehr, sie noch zu überholen – immerhin bin ich jetzt mal oben auf 2149 m.ü.M. und kann etwas durchatmen.

Nach dem ich etwas getrunken habe, mache ich mich wieder an die Abfahrt, um Marina “abzuholen”. Dank der Steigung bin ich schnell wieder relativ weit unten und studiere eingehend alle mir entgegen kommenden Radfahrer. Eine leidende junge Dame auf dem Trekkingfahrrad, zwei Kerle mit Rucksäcken auf Rennrädern und keine Marina. Langsam kommt mir das schon komisch vor und ich will gerade anhalten, um nach einer wütenden SMS auf meinem Handy zu suchen (“Das ist alles viel zu steil, das hast DU ja wieder toll ausgesucht …”), als ich sie vor mir auftauchen sehe.

Nach einem 180°-Wendemanöver schliesse ich wieder zu ihr auf und wir nehmen gemeinsam den letzten Teil zum Ofenpass in Angriff. Auch sie teilt mir kurz darauf mit, dass das heute nicht so ihr Tag sei, aber ich kann sie beruhigen: es ist wirklich einfach so steil. Wieder mühen wir uns die drei Kehren hinauf. Die tolle Landschaft des Nationalparks um uns herum entschädigt ein wenig für die Anstrengung und so erreicht Marina tapfer nach insgesamt knapp 40 Kilometern Fahrt und bereits einigen Höhenmetern in den Beinen das Hotel auf dem Ofenpass.

Wir suchen uns eine ruhige Stelle, essen etwas und beobachten eine tattriges, altes Ehepaar mit Zürcher Kennzeichen in einem alten, roten Ford Fiesta beim Einparken – ein ungemein spannendes Unterfangen, welches nahezu die gesamte Dauer unserer Pause in Anspruch nimmt. Anschliessend legen wir die Jacken an und machen uns auf, um die Abfahrt zurück anzutreten. Marina fährt bereits los, ich halte noch an verschiedenen Stellen an und mache ein paar Fotos. Auf dem Flachstück bei Tschierv können wir später zusammen nebeneinander fahren und uns ein wenig unterhalten, da nicht viel los ist und gerade keine Autos hinter uns sind.

Wir verlieren immer mehr an Höhe, legen etwas später in Sta. Marina die Jacken wieder ab, da es nun warm genug ist und setzen unsere Fahrt in Richtung Grenze und Vinschgau fort. Kurz nach Taufers mit seinem italienischen Asphalt-Zustand folgt dann bis zur Strassengabelung bei Laatsch ein Stück mit schönem Belag und wir können die Abfahrt bei höherer Geschwindigkeit geniessen. Kurz nach der Abzweigung machen wir noch einmal eine kurze Pause und Marina bekommt noch meinen “Not-Müsliriegel”, bevor wir uns dann durch Laatsch schlängeln und den letzten Anstieg wieder hinauf nach St. Valentin auf der Haide in Angriff nehmen.

Nach dem Ortsausgang von Laatsch können wir bereits erahnen, dass diese letzten Kilometer noch etwas Spass bereit halten werden: der Wind pfeift extrem vom Reschenpass herab und auf der rechtwinklig zur Windrichtung verlaufenden Strasse nach Mals muss man teilweise schon aufpassen, nicht Teil der toten Tiere rechts im Strassengraben zu werden. Hinter uns, im Val Müstair, ist der Himmel mittlerweile schwarz und es scheint zu regnen – oder besser gesagt zu schiffen wie aus Kübeln.

Trotzdem machen wir es auch hier wieder so: ich fahre schon mal voraus, um später wieder zu Marina zurück zu kehren. Hier hat das auch den nicht zu verachtenden Vorteil, dass ich die Beschuldigungen wegen des heftigen Gegenwindes nicht direkt zu spüren bekomme (auch an solchen vermeintlich natürlichen Gegebenheiten bin nämlich ich schuld). Viel zu Lachen habe ich allerdings nicht, auch ich muss mich recht plagen, um mich auf der vielbefahrenen Strasse zurecht zu finden, wo zu den PKW’s, LKW’s und verrückten Holländern in Wohnmobilen mittlerweile eben auch noch der Gegenwind dazu gekommen ist.

Die SS40 hinauf zum Reschenpass verläuft etwas speziell: man muss sich das Gelände als riesige, schiefe Ebene vorstellen, die auf knapp 5 Kilometer Luftlinie baumlosen Terrains 400 Höhenmeter überwindet. Die Strasse selber verläuft im Zickzack und für eine Passstrasse mit relativ moderater Steigung, was der Wind aber momentan eifrig wettmacht. Meine Geschwindigkeit pendelt sich daher in Bereichen ein, die normalerweise mit einer locker doppelt so hohen Steigung einhergehen.

Über mir passieren derweil schlimme Dinge: es ist schwarz, es beginnt in Strömen zu regnen und die Blitze und Donner sorgen für die passende dramatische Kulisse. In der Hoffnung, nicht der höchste Punkt in diesem Gebiet zu sein, fahre ich weiter und erreiche nach rund 8 Kilometern Fahrt kurz hinter einer Art Raststätte (Haidepark) das Ende der Steigung, wo ich umdrehe und wieder zurück rolle.

Unter ohrenbetäubenden Donnerschlägen rausche ich klatschnass einige Kehren wieder hinunter, am Restaurant Haidepark vorbei, als mein Telefon klingelt und mir Marina (nachdem ich einige Sattelschlepper ausgebremst habe und rechts rangefahren bin) die freudige Botschaft überbringt, dass ich am Restaurant an ihr vorbeigefahren sei.

Wenn es auf Strava ein Segment für dieses Stück zurück gäbe, würde ich mit grossem Vorsprung den ersten Platz belegen, denn der Rückweg zum Haidepark gerät nun zum Wettlauf zwischen den sich vollständig öffnenden Himmels-Schleusen und einem Plätzchen unter dem Vordach des Restaurants, wo es sich Marina in der Zwischenzeit bereits bequem gemacht hat.

Hier sitzen wir nun zusammen erstmal das Gröbste aus und begutachten panische Menschen, die aufgrund der zehn Meter im Regen von ihrem Auto zum Restaurant offenkundig die Hosen gestrichen voll haben. Wir haben zwar unsere Jacken beziehungsweise Westen an, aber es wird dann doch relativ schnell kühl und so machen wir uns, nachdem das Gewitter etwas weggezogen ist und der Regen ein wenig nachlässt, an die Weiterfahrt hinauf zum Haidersee.

Auf der nassen Strasse schleichen wir hinauf, Marina ist mittlerweile doch recht am Anschlag, nach fast 2000 Höhenmetern, vielen Kilometern und mit ausgekühlten Muskeln ist die Motivation etwas abgeklungen. Es regnet nach wie vor, nicht mehr so stark, aber genug, um mitsamt Strassengischt ziemlich nass zu werden. Die Gewitterzelle ist mittlerweile weiter gezogen und besudelt gerade das Grosshorn, wo wir uns gestern bei unserer Wanderung herumgetrieben haben. Lediglich noch ein greller Blitz, gefolgt von einem gellenden Schrei vor mir, dann kommt bereits kurzzeitig die Sonne heraus und wir können nun, da wir auch auf dem letzten, nahezu ebenen Stück nach St. Valentin angekommen sind, die letzten Kilometer wieder geniessen.

Nach unserer tropfnassen Ankunft geht’s sofort in die warme Dusche und danach sind Gewitter und Anstiegsmühen bald vergessen. Etwas später sieht man uns über die nahegelegene österreichische Grenze fahren, um Extrawurst zu kaufen (denn die ist ja bekanntlich die Beste und es gibt weder in der Schweiz, noch in Deutschland etwas Vergleichbares). 500 Gramm dieses kostbaren Materials werden dann Abends zusammen mit Käse und anderen Zutaten zu einem leckeren Wurst-Käse-Salat verarbeitet, um die Kohlenhydratspeicher wieder aufzufüllen.

Details zur Route

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