Von Prad auf Stilfser Joch und Umbrailpass

Aktivitäten, Pässe, Rennvelo

Wir radeln heute eine Tour mit 63 km. Hört sich gar nicht so schwierig an, oder? Könnte man meinen. Unsere Route soll uns aber über die Königin der Passstrassen führen – das Stilfser Joch! Also müssen wir auf diesen nichtssagenden 63 km 1880 Höhenmeter überwinden. Und bei diesem Anstieg bin ich dann doch froh, keinen Kilometer mehr fahren zu müssen.

Nervös pfriemle ich meine Sachen zurecht, bevor wir in Glurns vom kleinen Parkplatz neben der Kirche des heiligen Pankratius rollen. Um zwei Ecken herum und schon befinden wir uns auf der SP50, die uns in knappen sieben Kilometern nach Prad führt. So haben wir noch die Gelegenheit, unsere Beine ein wenig aufzuwärmen und wenigstens ein paar Minuten zusammen zu fahren. Schon in Prad trennen sich unsere Wege beziehungsweise der Geschwindigkeitsunterschied reisst eine klaffende Lücke zwischen Falko und mir. Er “flitzt” davon, ich zuckle in meinem Tempo weiter, so wie wir es bei längen Anstiegen eben grundsätzlich handhaben. Mal sehen, in welcher Kehre mir Falko beim zurück fahren dann entgegenkommt – das ist für mich immer ein Ansporn, möglichst weit zu kommen!

Dem Suldenbach entlang gewinnt die Strasse die ersten Höhenmeter. Die ersten motivierten Rennradler überholen mich schon – auf mein freundliches “Sali” bekomme ich aber von keinem einzigen eine Antwort. Naja, vielleicht liegt ihnen ihr Frühstücksbrötchen noch im Magen. Bis Stilfserbrücke habe ich die ersten 200 Höhenmeter geschafft. Nicht gerade viel in Anbetracht dessen, was noch vor mir liegt. Aber doch immerhin genug, als das mir schon richtig warm ist und eine merkbare Steigung hat der Abschnitt bis hier allemal.

Kurz vor Gomagio verzweigt sich der Bach. Der Suldenbach kommt aus dem Tal zur Linken – die Strasse, die ab Trafoi dort hinüber führt, kommt demzufolge von Sulden her. Ich halte mich am Trafoier Bach, durchfahre die Galerie und erreiche dann auf 1500 m ü. M. Trafoi. Hier habe ich dann bereits die ersten zwei der insgesamt 48 Kehren, die auf die Passhöhe fahren, hinter mir gelassen. Ab jetzt werden es also nur weniger. Nach dem winzigen Dorf führt die Strasse in einer langgezogenen Kurve in den Wald und nach weiteren 100 Höhenmetern steht die erste grössere Folge von Serpentinen auf dem Programm. Ich schraube mich also langsam nach oben, die Beinen brennen schon und die Töff-Fahrer ziehen einer nach dem anderen an mir vorbei. Wirklich krass, was sich hier so den Berg hinauf dröhnt.

So irgendwo um die Kehre 33 herum komme ich am (leider geschlossenen) Gasthof Weisser Knott vorbei und in dieser Region fehlt mir dann sogar die Luft zum fluchen. Hier sind ein paar Rampen so steil, dass ich wirklich Angst habe, gleich vom Rad zu kippen. Ein beängstigender Blick auf den Tacho zeigt mir einen neuen Langsam-Rekord von 4.6 km/h. Das geht mal gar nicht – also raus aus dem Sattel und mit vollem Einsatz überwinde ich diese miesen Stücke. Bald wird’s dann zum Glück wieder “normal” steil und ich kann getrost vor mich hin leiden.

Bei Kehre 31 mache ich eine kurze Pause, nach den Rampen von eben muss ich erst mal wieder meine Energiereserven auftanken. Ich halte an, packe meinen Müsliriegel aus und bin sichtlich genervt, als mich eine junge Töff-Fahrerin anspricht, ob ich nicht ein Foto von ihr und ihrem Partner machen könnte. Ja, genau, das ist das, worauf ich jetzt total Lust habe – Fotos von Töfflern knipsen. Aber da ich kein Unmensch bin und momentan viel zu wenig motiviert bin, meine Meinung Kund zu tun, nehme ich die Kamera, drücke zweimal auf den Auslöser und gebe das Ding ohne weiteren Kommentar zurück. Als Dank rattern sie dann weiter an mir vorbei – tolle Leistung.

Ich bin jedenfalls wieder etwas gestärkt und motiviert, dort hoch zu kommen (ohne Motor, ohne nervige Geräuschemission etc.) und so trete ich weiter, um Kehre für Kehre hinter mir zu lassen. Nach irgendeiner Kurve öffnet sich mir dann der Blick auf das Serpentinenchaos zur Passhöhe hinauf und ein kleines “Scheisse!” entfährt mir – hat aber keiner gehört. Der Anblick ist wirklich beeindruckend und auch ein bisschen beängstigend. Vor allem, wenn ich mal kurz in mich hinein fühle und den Zustand meiner Beine und meines Rückens überprüfe – hmmm, tut beides schon beachtlich weh.

An der Franzenshöhe, also mittlerweile in Kehre 22 und auf 2193 m ü. M., stehen drei Touristen an der Strasse und feuern mich und zwei weitere Velofahrer ausgelassen an. Mit einem freundlichen “ALLEZ! ALLEZ!” im Ohr lässt es sich auch gleich ein bisschen besser leiden und so kommt mir auch ein Lächeln über die Lippen. Die meisten Radfahrer, die mich bisher überholt haben, waren nämlich weniger freundlich. Meist Männer mittleren Alters, die auch trotz der fortgeschrittenen Tageszeit und des doch bereits verdauten Frühstücks kein “Sali” oder “Ciao” über die Lippen bringen. Aber mittlerweile störe ich mich nicht mehr daran – trotzdem wird jeder ganz freundlich gegrüsst.

Ein, zwei Kehren später bekomme ich dann endlich auch mal eine Antwort, als eine junge Frau auf dem Mountainbike an mir vorbei fährt. Sie klärt mich gleich auf, dass sie und ihr Partner, der jetzt hinter mir fährt, gerade erst an der Franzenshöhe gestartet sind und deshalb noch so gut unterwegs sind. Im gleichen Moment kommt Falko auch schon um die nächste Kehre gesaust. Hmmm, gerade mal bis Nummer 20 bin ich gekommen – da musste er wieder ganz schön weit, nämlich ganze 500 Höhenmeter, zu mir herunter rollen.

Als Vierergruppe radeln wir nun also weiter. Am Hinterrad der Mountainbikerin klebend fahre ich ruhig und ohne viel Nachdenken. Das hilft mir, wieder neue Kräfte zu sammeln, endlich muss ich nicht mehr alleine leiden. Falko betreibt ein bisschen Smalltalk und so nehmen wir eine Serpentine nach der nächsten in Angriff. Nach einer längeren Querung erreichen wir dann auf über 2300 m ü. M. den letzten Serpentinenabschnitt hinauf zur Passhöhe. Die Mountainbikerin ist mittlerweile leider etwas zurück gefallen, ihr Partner fährt bereits ein ganzes Stück vor uns. Und dann beginnt der Countdown und die Kehren-Ziffern sind ENDLICH im einstelligen Bereich. Ein kurzes Zick-Zack, bevor wir auf 2718 m ü. M. die allerletzte Serpentine durchfahren und dann ein einem langen Bogen, einem Glashaufen ausweichend, die Passhöhe erreichen. JUHUUUUUU, geschafft! Aus eigener Kraft auf einen der höchsten Alpenpässe. Dafür hat sich das Trainieren, Leiden und Motivieren gelohnt! Ich bin so froh, hier oben angekommen zu sein.

Vorsichtig bugsieren wir uns durch den Rummelplatz, der die Stimmung leider etwas drückt. Denn wenn die Menschen eines gut können, dann ist es schöne Alpenkulissen durch Bratwurst- und Souvenirständchen sowie total abgefuckte und herunter gekommene Bauten vollends zu entstellen. Wir ziehen uns auf einen etwas ruhigeren Parkplatz zurück, um den Massen von Auto- und Töfffahrern zu entkommen und stopfen uns Energie in Form von kleinen Riegeln und noch kleineren Traubenzuckerstückchen in den Mund.

Schnell ziehen wir uns Windjacke beziehungsweise Weste über und radeln weiter. Jetzt geht es durch die karge steinige Landschaft auf der Südseite des Stilfer Jochs nach unten. Wir rollen entlang einer langen Querung und anschliessend durch einige Kehren, wo wir insgesamt die ersten 250 Höhenmeter Richtung Tal zurück legen. Aber ganz soll’s das ja noch nicht gewesen sein. Um ins Val Müstair und zurück zu unserem Ausgangspunkt zu gelangen, müssen wir noch den Umbrailpass bezwingen. Am Abzweig nehmen wir die unglaublich anspruchsvollen 36 Höhenmeter in Angriff. Vorbei an einer Kuh, der Falko die Zunge raus streckt kommen wir dort ca. 3.30 Minuten später an und machen nochmals eine kurze Pause. Falko zieht sich doch noch die Armlinge über – hier oben ist es ganz schön frisch im Wind – und weiter geht die Fahrt.

Ab jetzt haben wir es mit wesentlich weniger Verkehr zu tun und so können wir die Stille des Val Muraunza geniessen. Das Tal ist schmal und die Berge ragen links und rechts weit in die Höhe. Die Strasse schlängelt sich in engen Serpentinen steil hinunter und schon kurze Zeit später befinden wir uns auf einer langen graden Strecke schon wieder unterhalb von 2000 m ü. M. Nun durchfahren wir noch zwei Kehren, bevor wir bei Punt Teal auf 1883 m ü. M. in einen Wechsel aus lichtem Wald und kleinen offenen Wiesenflächen eintauchen. Die Strasse führt talwärts an der rechten Hangseite entlang und erst beim Hotel Alpenrose stehen die nächsten Kehren an.

Auch beim bergab fahren halten wir es meist so, dass Falko schon voraus fährt, weil er auch bergab viel schneller ist als ich, oder er bleibt stehen und knipst Fotos während ich mein Tempo fahre und irgendwann wieder zu ihm aufschliesse, oder er mich einholt. Kurz nach dem Hotel Alpenrose zieht Falko also zischend an mir vorbei, während ich schön gediegen und vorsichtig um die Kurven rolle.

Und dann, ein oder zwei Kehren später, rutscht mir das Herz in die Hosen. Ich komme um eine Kurve und sehe einen blauen Van und zwei weitere Rennvelofahrer, die mich alle kurz vorher überholt haben mitten auf der Strasse stehen. Und dann am Rand sehen ich Falko von hinten, am Boden sitzen. Ein kleiner Angstschrei entfährt mir, während ich auf die Szene zurolle und blitzschnell mein Velo ins Gras lege. Dann sehe ich, dass nicht Falko der Verletze ist, sondern er neben einem Mann kniet, der rücklings auf dem Boden liegt und ziemlich blutig ist im Gesicht. Der Unfall muss sich erst vor einer Minute ereignet haben, keiner weiss so richtig was passiert ist. Der Gestürzte ist bei Bewusstsein, aber man merkt, dass er unter Schock steht. Sein Kollege, der mit ihm auf Tour ist kommt auch gleich zu uns und wir versichern uns, dass – zumindest auf den ersten Blick – nichts lebensgefährliches passiert ist. Wir bleiben noch eine Weile bei den beiden, verteilen Traubenzucker und tun, was wir können – was in dieser Situation allerdings nicht gerade viel ist. Der unverletzte Radfahrer will seine Frau anrufen, die die beiden dann mit dem Auto abholen kann – denn mit blutenden Schnittverletzungen durch die Brille, einem Schock und evtl. einem gebrochenen oder zumindest stark geprellten Nasenbein ist an eine Weiterfahrt hier nicht mehr zu denken. Nachdem die beiden sich in der Serpentine an die Leitplanke gesetzt haben und der Unverletzte uns versichert, dass wir weiterfahren können, machen wir uns auf den Weg.

Solche Situationen sind nie schön und mir zittern auch danach noch die Beine. Meine Angst, gerade auf solchen Strecken, selbst zu stürzen und mich schwer zu verletzen ist wirklich gross (obwohl mir das noch nie passiert ist). Und dann so eine Szene zu sehen, trägt nicht zu meinem Selbstvertrauen bei. Zumal der Unfall ohne Fremdeinwirkung passiert ist – zumindest scheint es so. Mit leicht zittrigen Knien gehe ich also in die letzten Serpentinen, bevor wir auf ca. 1500 m ü. M. wieder das offene Gelände erreichen. In einem Zick-Zack geht’s hinein nach Sta. Maria. Am Dorfbrunnen machen wir noch einen kurzen Stopp, waschen uns ein wenig und füllen die Flaschen auf.

Der Rest unserer Fahrt führt in einem angenehmen Gefälle (und damit wenig Tretarbeit) durch Müstair und über die Grenze nach Taufers. Stetig an Höhe verlierend rollen wir in einem zügigen Tempo aus dem Münstertal hinaus, lassen den Abzweig nach Laatsch diesmal links liegen und treten ein letztes Mal in die Pedale, um die restlichen Kilometer nach Glurns hinter uns zu bringen.

Eine wunderschöne, lange, anstrengende und aufregende Tour geht zu Ende. Die Königin der Passstrassen – auf jeden Fall die Mühe wert!

Details zur Route

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