Rojental: Geheimtipp oberhalb des Reschensee

Aktivitäten, Rennvelo

Unsere vorerst letzte Rennradtour im Vinschgau soll uns heute zuerst hinauf nach Watles und anschliessend in das winzige Bergdorf Rojen im gleichnamigen Tal bringen. Wir starten an unserer Ferienwohnung in St. Valentin auf der Haide und biegen auf die SS40 hinunter in Richtung Mals ein. Über den frisch geteerten Strassenbelag (ein ganz ungewohntes Gefühl hier in Italien …) fahren wir am Haidersee entlang, bis die Strasse hinab ins Tal führt. Der Todesengel stattet uns direkt mal einen kurzen Besuch ab in Form eines überholenden Autos: lieber (verblödeter) deutscher Tourist: die Strasse ist dann frei und kann für’s Überholen genutzt werden, wenn dir keine (!) Fahrzeuge entgegen kommen. Völlig überraschend zählen auch Fahrräder zu den Fahrzeugen und wenn dir solche entgegen kommen, verziehst du dich auf deine eigene Spur und wartest ab, bis frei ist!

Nachdem wir diesen überflüssigen Penner überlebt haben und den Abzweig ins kleine Dörfchen Burgeis gewählt haben, wird der Verkehr aber auch schon deutlich weniger und wir suchen uns anschliessend nochmals (dieses Mal gewollt ) unseren Weg durch Burgeis hindurch. Dieses Mal gestaltet es sich (bis auf strauchelnde und unfähige Damen auf E-Bikes) deutlich einfacher und schon bald biegen wir in die Strasse ein, die uns hinauf zur Seilbahnstation Watles bringen soll.

Zackig geht es die ersten Meter hinauf und man kann sich sogleich mal richtig auspowern, um den hochprozentigen Anstieg zu beginnen. Marina fährt ab jetzt erst einmal wieder ihr eigenes Tempo. Es folgen einige leichte Kurven, bis die ersten beiden Serpentinen (auch volltönend “Tornante” genannt) mich zum Parkplatz des Klosters Marienberg führen. Gotteslästerlich lasse ich das Benediktinerstift rechts liegen (Vergib mir, heiliger Vater …) und mache mich an den nächsten steileren Abschnitt, der mich in zwei weiteren Kehren nach Planöf auf 1392 m Höhe führt. Heute läuft’s irgendwie etwas zäh und ich muss mich recht plagen, um das Tempo halbwegs hoch zu halten.

Bei Planöf wird es kurze Zeit flacher, die Strasse führt nun ins Valle Slingia hinein und am Hotel Gerstl vorbei. Links am Strassenrand steht ein Mann mit Pferdeschwanz (bitte frei interpretieren) neben seinem Mountainbike und macht Fotos vom wirklich atemberaubenden Panorama in Richtung Ortlermassiv und tief ins Tal hinab nach Schluderns, Mals und Prad. Ich beschliesse, dass ich das nachher von oben auch noch gut fotografieren kann und fahre erst einmal weiter, bis rechts der Abzweig hinauf nach Watles führt. Geradeaus würde man nach wenigen Minuten ins Bergdorf Schlinig gelangen, wo sich der Anigglhof mit einer guten Speisekarte versteckt.

Zum Bauch voll schlagen bin ich aber nicht da und fahre weiter hinauf, am Wellnesshotel Watles vorbei, zur gleichnamigen Talstation eines Liftes, der viele Wanderer hinauf zur Plantapatsch-Hütte bringt. Den Buswendeplatz nutzend drehe ich eine Runde und rausche dann sofort wieder hinunter, um Marina “abzuholen”, die sich noch irgendwo den Berg hoch kämpft. Es geht den gleichen Weg wieder hinunter, bis ich sie kurz vor dem Hotel Gerstl wieder treffe und erneut mit ihr zusammen hinauf nach Watles fahre. Die Sonne brennt hier recht auf die südlich ausgerichteten Hänge und wir sind froh, als wir oben ankommen und uns durch die mittlerweile auf der Strasse liegenden Kuhfladen einen Weg auf den Parkplatz bahnen können.

Während wir etwas essen und kackende Kühe vorbeimarschieren (tolles Timing, Freunde), besprechen wir unseren nächsten Abschnitt, der uns auf dem Fahrradweg wieder hinauf zum Reschensee bringen soll. Die Abfahrt zurück nach Burgeis geht relativ schnell vonstatten und wir finden auch sofort den gut ausgeschilderten Radweg. Dieser führt nun links der Etsch entlang und man kommt so angenehmerweise gar nicht in Berührung mit der vielbefahrenen SS40. Steil ist es teilweise trotzdem, der Höhenunterschied ist natürlich identisch zu dem der Strasse. Es sind immer mal wieder kleine, kurze Abschnitte, die dann aber richtig zur Sache gehen und wo man durchaus aus dem Sattel gehen muss, um halbwegs stilvoll hinauf zu kommen. Murphy ist auch da: an einer sehr engen und steilen Stelle stehen drei Wanderer und unterhalten sich und genau dann, als ich sie links überholen möchte, kommt natürlich das einzige Fahrrad auf mehreren Kilometern von oben und ich komme fast zu stehen, da ich den Fahrer vorbei lassen muss.

Nach dem üblichen nochmal-zum-Marina-herunterroll-Spiel erreichen wir dann beide zusammen die kleine Gabelung, die uns nun zurück auf die SS40 führt. Der Radweg würde zwar weiter führen, ist aber ab jetzt nicht mehr durchgängig asphaltiert und das ist mit den Rennrädern nicht so toll. So fahren wir wie heute Morgen bereits auf dem neu asphaltierten Stück Strasse Richtung St. Valentin, es rollt richtig gut – bis wir am Stauende einer laaangen Autoschlange zurück in die Realität geholt werden.

Das Vinschgau und der Reschenpass haben unserer Meinung nach ein ziemliches Verkehrsproblem: tagtäglich schlängeln sich Massen von Autos, Wohnmobilen, Wohnwägen und LKW’s die nicht immer besonders gut ausgebaute Strasse entlang. Diese führt dann auch häufig mitten durch die Dörfer hindurch und die landwirtschaftlichen Fahrzeuge, die sich munter zwischen Motorräder und Porsche mischen, vereinfachen die Sache auch nicht gerade. Zu allem Übel wird auch dieser Tage gerade der Belag in und um St. Valentin saniert (was ja an sich gut ist), wodurch immer nur eine Spur offen ist und ein dementsprechend langer Stau vorprogrammiert ist.

An dessen Ende sind wir soeben erfolgreich angelangt und stehen hinter einem Stuttgarter Opa, der seinen Benz nicht unter Kontrolle hat und rollend fast in das vor ihm stehende Auto kracht. Aber der Herzschrittmacher rotiert doch noch rechtzeitig und grösseres Unheil kann erfolgreich verhindert werden. Nach vielen Minuten des Wartens geht es dann langsam vorwärts, wir kommen bis nach St. Valentin hinein, aber dann macht der Ampelmann unsere Spur wieder zu und wieder heisst es Warten. Um uns herum sind alle ziemlich genervt, speziell der Postbote ist recht am Fluchen, als er einfach sein Auto stehen lässt und zu Fuss mit einem Packen Briefe die umliegenden Häuser abrennt.

Nach einer Weile wird es uns dann aber auch zu bunt und wir beschliessen, doch nicht auf der Grauner Seite um den Reschensee zu fahren. Stattdessen wollen wir den Radweg auf der anderen Seite zu benutzen, wodurch wir den Stau hier umfahren könnten. Gesagt, getan: durch kleine St. Valentiner Strässchen rollen wir in Richtung einer kleinen Strasse, die (wie wir wissen) leicht ansteigend hinauf zur Strasse ins Rojental führt. Die Sache hat nur einen Haken und dieser Haken zeigt sich, als die Strasse in den Wald hineinführt, schwarz, mit Hörnern, muhend und die Strasse blockierend. Eine direkte Konfrontation mit einem Stier auf einer schmalen Strasse bergauf ist eine schlechte Sache. Daher ergreifen wir die Flucht und fahren zurück in Richtung St. Valentin. Ein weisser, entgegenkommender PKW versucht, mich trotz der fehlgeschlagenen Kuhattacke doch noch in den Himmel zu befördern, aber auch ihm kann ich nochmal ein Schnippchen schlagen. Wir erreichen wieder den Talboden und beratschlagen, was zu tun sei.

Am Ende unserer Beratung fahren wir noch gemeinsam bis zur Staumauer des Reschensee hinauf, wo ich auf die Strasse in Richtung Reschen abbiege, während Marina es auf der anderen Seite auf dem Radweg probieren will (wir wissen nicht, ob er durchgängig asphaltiert ist). Falls es klappt, treffen wir uns dann irgendwo am Anstieg nach Rojen wieder. Für mich geht’s nun auf der Strasse mit nettem Gegenwind durch eine Serien von Galerien nach Graun, wo ich an einem Strassentunnel einen kleinen Schlenker machen muss, da er für Velos gesperrt ist. Der Schlenker führt mich geradewegs zum berühmten Kirchturm im See und wieder auf die SS40, der ich nun bis nach Reschen folge. Ich fahre durch den Ort hindurch und biege am Ende des Reschensee links ab, um auf der anderen Seeseite ein Stückchen zurück und dann hinauf ins Rojental fahren zu können.

Am Parkplatz der Schöneben-Seilbahn vorbei steigt die Strasse schnell an und führt in einigen Serpentinen mit wenig Verkehr hinauf in das kleine Tal. Zwischendurch bekomme ich eine Nachricht von Marina: der Radweg ist durchgehend asphaltiert und sie nimmt nun auch gerade den Anstieg unter die Räder. Das passt ja perfekt und ich pedaliere mich weiter hinauf, unter der Skipiste durch eine Unterführung hindurch und bis zu einer weiteren Kehre auf 1816 m, die einen flachen Abschnitt einläutet.

Diese willkommene Abwechslung können die brennenden Oberschenkel ganz gut gebrauchen und ich rausche so bis zum Parkplatz der Reschner Alm. Ab hier geht’s nun wieder bergauf und das auch streckenweise recht beachtlich … Es ist eines dieser typischen Biester: Hallo, schau mal wie flach ich ausschaue, aber eigentlich bin ich ein 12% steiles Miststück. Aber auch das Miststück ist irgendwann bezwungen und ich gelange an einen Abzweig, wo es rechts hinauf zum Rojenhof ginge. Ich halte mich jetzt aber links und erreiche so die Talstation eines weiteren Winter-Skilifts, wo die Strasse dann zu Ende ist.

Ich mache eine kurze Pause und nachdem ich es fast geschafft habe, mich mitsamt Fahrrad beim Ausklicken der Pedale aufgrund meines in-der-Gegend-Herumschauens kräftig auf die Fresse zu legen, knipse ich einige Fotos. Danach folgt wieder das übliche Spiel, heute zum letzten Mal: runter zu Marina, und mit ihr zusammen ein weiteres Mal hinauf. Auch sie hat Freude an den steilen Stücken und dieses Mal fahren wir zum Rojenhof hinauf, was uns auf den letzten Metern noch ein schönes 16%-Stück einbrockt. Aber auch das ist kurz darauf geschafft und wir erreichen den Hof, der genau auf 2000 m ü.M. liegt.

Pause, Essen, Trinken und die Aussicht geniessen. Danach rollen wir wieder hinunter, den ganzen Anstieg, bis wir beim Giernhof am Reschensee auf den Seeradweg einbiegen können, der uns nun nach Hause bringen soll. Diesen geht es in wilder Hinauf-Hinunter-Abfolge bis nach St. Valentin auf der Haide, über den Staudamm und durch den Ortskern retour in unsere Ferienwohnung.

Details zur Route

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