Berglauf auf den Fluebrig

Marina macht heute eine kleine Pause und ich habe beschlossen, einen zaghaften Versuch am Fluebrig zu wagen. Tagtäglich sieht man jetzt die Alpabtriebe und Anhänger mit Vieh auf den Strassen und die kurze Zeit, in der man ohne gefährliche Mutterkuh-Kontakte in den Bergen unterwegs sein kann, beginnt. Diese erfreuliche Tatsache möchte ich in Kombination mit dem schönen Wetter ausnutzen und mache mich auf den kurzen Weg nach Studen.

Die Anfahrt wird allerdings doch einige Minuten länger dauern, da ich aufgrund des heute stattfindenden Iron Bike Races nicht den kleinen Schleichweg direkt von Unteriberg nach Studen wählen kann. Also fahre ich den kleinen Umweg am Sihlsee entlang und erreiche so bald den Parkplatz am Golfplatz beim Ochsenboden, wo ich starten möchte.

Nachdem ich die Karre parkiert habe und meinen Wander- beziehungsweise Abwehrstock vergessen habe, geht es auf der gegenüberliegenden Strassenseite in den Wald hinein und steil auf einem Forstweg durch die Stafelwand. Obwohl ich mir diese Aktivität hier eingebildet als “Trailrun” auf mein Palmarès schreiben werde, jogge ich nicht, sondern bevorzuge ein sehr schnelles Geh-Tempo. Dies ganz einfach aus dem Grund, weil ich den stellenweise sehr steilen Pfad weiter oben ohnehin nicht joggen könnte und ich hier unten dadurch auch nur minimal schneller wäre. Und abgesehen davon habe ich auch keine Lust, mich noch mehr anzustrengen.

Dieser untere Teil auf der Forststrasse ist in etwa so interessant wie das Lesen einer Fachzeitschrift über das Paarungsverhalten von Fruchtfliegen und ich versuche dementsprechend, es möglichst rasch hinter mich zu bringen. Ganz unten überhole ich noch ein Pärchen und etwas weiter oben einen einzelnen, kräftig auf den Weg rotzenden Wanderer. Etwas später zweigt der Weg zur Rönenalp vom markierten Wanderweg ab und recht steil geht es nun auf einem schmalen Pfad weiter hinauf. Ich hänge hier ein wenig meinen Gedanken hinterher und kann mich an den Weg bis zur Schärm-Alp auf 1568 Meter Höhe nur insoweit erinnern, dass ich mir beim Verjagen einer lästigen Fliege beinahe selber eine gescheuert habe.

Bei besagter Alp überquert man den Turnerbach für wenige Meter, um dann wieder auf die nördliche Bachseite zu wechseln. Beim letzten Besuch hier wurde man hier quasi von Schafen überrannt – heute bin ich aber bis auf zwei weitere Wanderer völlig alleine hier und muss mich nur vor einem beherzten Tritt in die Schafkacke in Acht nehmen. Diese Hürde kann ich aber umgehen und mache mich nun an den serpentinenreichen Anstieg zur Alp Obergross. Steil gewinnt man hier Meter um Meter an Höhe und verlässt auch immer mehr den etwas einengenden Talkessel. Die Sonne gewinnt an Kraft und es wird angenehm warm. Nicht zu heiss, einfach so, dass man in kurzer Hose und T-Shirt bei Anstrengung keinen Hitze-Koller erleidet. Das ist ein weiterer schöner Aspekt an Touren im Herbst.

Als ich mich nun einer kleinen Alphütte nähere, die zur Alp Obergross gehört und mit der unteren Hütte durch eine Materialseilbahn verbunden ist, mutiere ich zu Sherlock Holmes, als ich einen grossen Kuhfladen mitten auf dem Weg entdecke. Nachdem das Alter desselben akribisch geprüft wurden und ein visueller Abgleich nach Kuh-ähnlichen Wesen oberhalb von mir mit einem klaren “Alles okay, Sir!” zufriedenstellend beantwortet werden kann, setze ich meinen Weg fort. Gut, dass ich nicht vor einigen Wochen schon mal hier hinauf bin, denn dann wäre höchstwahrscheinlich wieder einmal freudestrahlendes Umkehren angesagt gewesen. Zu Umgehungsmöglichkeiten dieses riesigen Geländes werfe man einen erhellenden Blick auf die Swisstopo-Karte.

Auf 1950 Metern erreicht man zwischen dem kecken Wändlispitz und dem Diethelm (die drei Berge Wändlispitz, Diethelm und Turner bilden zusammen das Fluebrig-Massiv, wobei der Diethelm mit 2098 Metern der höchste Gipfel ist) eine kleine Scharte. Bereits auf den letzten hundert Metern hier hinauf hat sich mein Magen mit einem unangenehmen Drücken gemeldet und ich weiss mittlerweile (wurde auch Zeit, mit über 30 Jahren …), dass das Einwerfen von Kohlenhydraten Linderung bringen sollte. Während ich etwas langsamer und Müsliriegel mampfend weiter empor steige, kann ich an der nun schon sichtbaren Leiter am Gipfelaufbau oberhalb von mir emsiges Treiben beobachten. Bis ich aber die hundert Höhenmeter überwunden habe, ist die Leiter frei und ich kann mich an den hier beginnenden, blau-weissen Teil des Wanderweges machen. Mithilfe besagter Leiter und einigen mit Ketten versicherten Stellen überwindet man den felsigen Aufbau, der anschliessend als Grat hinüber zum Hauptgipfel des Diethelm führt.

Den Gipfel erreiche ich nun nach 1:22 Stunden (mein “Hungerast” und ein dämlicher, kleiner Verhauer am Gipfelaufbau haben mich wertvolle Minuten gekostet, so ein Mist ) und mache eine kurze Pause, in der ich nochmals etwas esse und einige Fotos schiesse. Es ist einiges los hier oben, aber die Menschen verteilen sich ganz gut und ich bin einige Meter entfernt stehen geblieben, um nicht durch Anstrengungs-bedingtes Stinken unangenehm aufzufallen. Die reine Bergluft, Sie wissen schon …

Kurze Zeit später, nachdem ich die tolle Aussicht von hier oben genossen habe, mache ich mich wieder an den Abstieg. Oberhalb der Leiter muss ich kurz warten, da mir vier andere Personen entgegen kommen. Das macht aber nichts und so kann ich nochmal einen Blick auf die Mythen werfen, die in einiger Entfernung majestätisch empor ragen. Nachdem die Leiter frei ist und eine Frau mir irgendetwas gesagt hat (liebe Dame, ich habe normalerweise wirklich keine Schwierigkeiten mit dem Schwyzerdütsch, aber in dem Fall habe ich einfach nur Bahnhof verstanden), klettere ich die wenigen Meter wieder hinunter und hüpf-springe dann den Rücken wieder zu P. 1950 zurück. Das geht glücklicherweise alles wieder sehr gut und der Bänderriss am rechten Fuss, der mich im Frühjahr erfreut hat, scheint recht gut ausgeheilt zu sein.

Dann steige ich weiter ab, wieder meinem Aufstiegsweg entlang. Bei der Alp frage ich mich ein wenig, wie zum Teufel werden hier eigentlich die Kühe hinauf gebracht? Eventuell von der Wägitaler Seite her, denn hier auf dieser Seite hier habe ich weiter unten keinen einzigen Kuhfladen gesehen und wenn Kühe abgesehen vom Fressen harmloser Wanderer etwas können, dann ist es das Zuscheissen von Wegen.

Recht schnell bin ich wieder recht weit unten und muss nun nur noch den etwas lästige Forststrassen-Abschnitt hinter mich bringen. Aber auch das ist irgendwann ausgestanden und nach dem ich die letzten hundert Meter gejoggt bin, um unter zweieinhalb Stunden für die gesamte Aktion zu bleiben (völliger Schwachsinn, ich weiss), erreiche ich wieder das erlauchte Umfeld des Golfplatzes. Während ich durch die geöffneten Türen etwas Luft ins Auto strömen lasse, kann ich einer älteren Dame im türkisfarbenen Sportkleid, Sonnenbrille und mit weissem Golfkäppi bei ihrer unzweifelhaft schweisstreibenden Tätigkeit zuschauen. Schwer beeindruckt frage ich mich auf der Heimfahrt, ob ich nicht mit dem Golfen anfangen sollte. Man scheint dadurch automatisch in die begehrenswerte Liga der Benz-fahrenden, braungebrannten und wohlgenährten Supersportler aufzusteigen – und Mutterkühe habe ich auf Golfplätzen bisher auch noch nicht gesehen. Spannende Gedanken, die ich mir wohl einmal näher anschauen sollte. Happy putting!

Details zur Tour

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