Gespenster am Gross Aubrig

Bisher hat sich der Winter – bis auf ein paar wenige Flocken im November – sehr zurückgehalten. Nach der grünen Weihnacht sind wir auch mit grünen Wiesen ins neue Jahr gestartet. Aufgrund von Schneemangel und ausbleibender Motivation für Wanderaktivitäten war es in den letzten Wochen hier auf dem Steinmanndli entsprechend ruhig. Neben den nun doch schon bekannten Joggingrunden will ich das neue Jahr aber auch mit einer Unternehmung in den Bergen starten.

Am 2. Januar (dem halben Feiertag, der eigentlich keiner ist aber trotzdem einer sein will, zumindest in Zürich) treffe ich mich schon um neun Uhr morgens mit Patrick am Sihlsee. Gemeinsam tuckern wir mit meiner kleinen Hitsche über die Sattelegg ins Wägital. Gleich nach dem Tunnel, vor dem Wägitaler See, biegen wir rechts ab und parken auf dem noch gähnend leeren Seitenstreifen am See. Noch ist kein Mensch hier um diese Uhrzeit unterwegs und wir haben die Aussicht, den See und den Weg ganz für uns alleine.

Unsere Wanderung startet über eine kleine Brücke und schon nach wenigen Metern verlassen wir das kleine Strässchen am See und biegen in den steilen und steinigen Wanderweg ab. Über holpriges Gelände, welches immer wieder mit kleinen oder grösseren Eisplatten durchzogen ist, führt uns der Weg erst über offenes Gelände und später durch den Schrähwald. Teilweise ist der komplette Weg mit einer dicken Eisschicht überzogen und wir müssen gut aufpassen, wo wir unsere Füsse hin setzen, damit sie auch dort bleiben und nicht wegrutschen.

Nach knapp 400 Höhenmetern erreichen wir nun endlich in der Sonne die Alp Bärlaui oberhalb des Wägitalersees. Wir geniessen die Stille hier oben und den Ausblick über den See und hinüber zur Alp Eggstofel. Nur ein paar entfernte Motorsägen Geräusche verraten, dass noch ein paar Menschen am Arbeiten sind – und das am „Feiertag“.

Leicht ansteigend quert der Weg unter unserem eigentlichen Gipfelziel, dem Gross Aubrig, bevor er in immer kleiner werdendem Zickzack wieder an Steilheit zunimmt und wir somit die restlichen Höhenmeter erklimmen können. Auf den letzten 200 Höhenmeter wird der Weg etwas undeutlich und ist nicht mehr so gut markiert, aber in diesem Gelände kann man sich kaum verlaufen. Wir gelangen ca. 100 m östlich des Hauptgipfels an die Abbruchkante des Aubrigs und gehen die am Zaun entlang, bis wir endlich am Gipfelkreuz stehen. Ganz alleine und mit einer herrlichen Aussicht! Genau so soll das sein!

So ein gemütlicher Aufstieg macht trotzdem hungrig und wir machen es uns ein paar Meter unterhalb des Gipfels auf einem grossen Stein gemütlich. Zu Essen haben wir genug dabei, die Sonne scheint uns ins Gesicht und als Patrick noch eine Thermoskanne mit warmen Tee aus dem Rucksack kramt, steht eigentlich schon fest, dass das hier ein längerer Aufenthalt werden wird.

Nach und nach treffen immer wieder einzelne Wanderer oder Pärchen am Gipfel ein und geniessen die gleiche schöne Aussicht wie wir beide. Mit der Zeit und der sich leerenden Thermoskanne stellen wir fest, dass von Norden her langsam die angekündigte Front heran zieht und die Wolken immer mehr in unsere Richtung drücken. So entscheiden wir uns also, unser Plätzchen zu verlassen und unsere Wanderung fortzusetzen. Damit wir nicht wieder den gleichen Weg ins Tal nehmen müssen, entscheiden wir uns für den Abstieg über den Westgipfel Richtung Nüssen und weiter über die Alp Eggstofen, die wir bereits im Aufstieg gesehen haben.

Zwischen Haupt- und Westgipfel führt der schmale Pfad teilweise direkt an der Abbruchkante entlang und dort erwartet und dann noch ein ganz spezieller Ausblick. Wir blicken mit der Sonne im Rücken über die Kante direkt auf die herangezogene Nebelwand und siehe da – dort sehen wir ein Brockengespenst. Was das ist? Ein optischer Effekt, der unter vorher genannten Bedingungen entsteht. Unsere Schatten werden nicht auf einem festen Hintergrund projiziert, sondern auf jeden einzelnen Wassertropfen im Nebel. Drum herum gibt es zumindest in unserem Fall einen farbigen Lichtkranz, der das Ganze noch spektakulärer aussehen lässt. Ich bin ganz begeistert und freue mich an jeder Stelle, an der wir vorbei kommen und über den Rand gucken können, dass das Gespenst immer noch da ist.

Am Westgipfel mit seinen lustigen Grasbüscheln angekommen, nehmen wir dann den Abstieg in Angriff. Der erste Teil durch den Wald ist steil, steinig und teilweise etwas unwegsam. Zumindest für Leute mit kurzen Beinen – Patrick hat da weniger Probleme. Nachdem wir das Gröbste hinter uns gelassen haben, folgen wir immer weiter dem leicht ausgeprägten Rücken, nehmen einen frühzeitigen Abzweig und erreichen bald darauf die Alp Eggstofel. Von hier können wir unsere Runde über Bärlaui bis zum Gipfel und den bisherigen Abstieg nochmal richtig gut ins Auge fassen.

Mit grossen Schritten geht es nun bergab Richtung Rohr, wo wir noch den herzigen Ponys „Hallo“ sagen und uns fragen, ob es hier tatsächlich mal einen alten Skilift gab (und damit sind wir wohl nicht die einzigen). Die alten Liftmasten stehen noch, aber wer, um Himmels Willen, kam denn hier her zum Skifahren? Schliesslich befinden wir uns immer noch ca. 200 Höhenmeter über dem See und hierher führt nur eine kleine steile Strasse. Wir halten uns damit aber nicht länger auf und setzen unseren Weg Richtung Brandhaltli fort, bis wir endlich wieder die kleine Seestrasse erreichen.

In wenigen Minuten erreichen wir unseren Ausgangspunkt wieder, werfen den Motor an und tuckern zurück zum Sihlsee. Zum Abschluss gibt’s dann noch Burger und Kuchen in Einsiedeln – eine schöne Unternehmung verlangt natürlich auch nach einem schönen Abschluss.

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