Beeindruckende Szenerie am Goldauer Bergsturz

Der heutige Samstag verspricht einer der ersten wirklich wärmeren Tage 2017 zu werden und wir haben uns spontan mit Patrick zu einer Wanderung auf den Gnipen, vorbei am Goldauer Bergsturz, verabredet. Wir lassen es gemütlich angehen und treffen uns gegen elf Uhr mit ihm am Bahnhof in Goldau. Das Auto stellen wir anschliessend auf einem Parkplatz beim Goldauer Tierpark ab (der übrigens auf den Überresten des Goldauer Bergsturz angelegt wurde) und starten den anfangs gelb markierten Wanderweg hinauf in die Flanke des Rossberges.

Es geht stetig ansteigend durch eine schöne Landschaft mit winzigen Bachläufen, Bäumen und riesigen Gesteinsbrocken auf einem kleinen Wanderweg hinauf. Die Grösse der Felsblöcke ist durchaus beeindruckend, einige von ihnen haben sicherlich das Format eines grösseren Einfamilienhauses. Man bekommt einen ersten Eindruck davon, was hier im Jahr 1806 für Kräfte am Werken gewesen sein müssen. Auch das Felsmaterial an sich ist nicht alltäglich: es handelt sich nicht wie sonst an vielen Stellen der Voralpen um Kalk, sondern um Konglomerat (oder auch Nagelfluh): eine Masse aus Geröll und rundem Gestein, die miteinander verkittet sind und dadurch aussieht wie lauter einbetonierte runde Kieselsteine. Das Ganze dann in mehreren Metern Höhe und Breite und fertig ist einer von vielen Dutzend dieser Blöcke, die am 2. September 1806 mitsamt Unmengen von Gestein, Erde und anderem Zeugs nahezu die gesamte Ortschaft Goldau samt Umgebung verschütteten und mehr als 450 Menschen das Leben kosteten.

Wir steigen im sonnigen und warmen März-Wetter weiter auf. Ab rund 1000 m Höhe ändert sich allmählich die Landschaft. Der Bergwald weicht eher lichterem Gebüsch und Sträucher und wir können nun häufiger einen Blick auf die umliegende Gegend werfen. Wir bewegen uns auf einer Art Rücken hinauf, der die westliche Begrenzung des Bergsturzes markiert. Rechts von uns sieht man nun gut die östliche Begrenzung, die sich hier oben als knapp 1,5 Kilometer lange gestufte Felswand präsentiert, in der man stellenweise problemlos eine Zwei-Seillängen-Route einrichten könnte. Man muss sich das einmal vorstellen: es setzt sich eine eine Schicht von 50 – 100 Metern Dicke, auf einer Breite von rund 300 Metern und einer Länge von über einem Kilometer in Bewegung!

Diese Situation entstand durch verschiedene Faktoren: zum einen die Art des Gesteins (Nagelfluh) an sich, bei welchem es sich geologisch gesehen offensichtlich nicht gerade um die stabilste Gesteinsform handelt. Zum anderen durch eiszeitliche Bewegungen: im das Tal schob sich während der Eiszeiten ein Gletscher entlang, der die unteren Gesteinsschichten an der Bergflanke abwusch. Da sich die Gesteinslagen in einer für die Stabilität ungünstigen Schräglage am Hang befinden, wurden so die stützenden unteren Schichten komplett abgetragen, die oberen blieben jedoch stehen (oder besser „kleben“). Dadurch entstand eine tickende Zeitbombe, deren Auslösung durch Regen und dadurch entstehende Auswaschungen unter den stehengebliebenen Gesteinsschichten nur noch eine Frage der Zeit war. Während einer besonders regenreichen Zeit im August/September 1806 war es dann soweit und die Reibung reichte nicht mehr aus, um rund 30-40 Millionen Kubikmeter Gestein zu halten.

Wir haben mittlerweile die oberen Lagen unserer Bekleidung abgelegt und sind nun im T-Shirt bei bestem Wetter auf einem steilen Weg unterwegs, der uns immer höher hinauf in Richtung Gipfelkreuz bringt. Der Untergrund ist oftmals wie sandig, eine ganz eigenwillige Zusammensetzung des Bodens. Nach rund zwei Stunden Aufstieg erreichen wir den Gipfelrücken, der uns über eine Wiesenkuppe bis hinauf zum bereits seit einer Weile sichtbaren Gipfelkreuz führt. Es steht nicht ganz auf dem Gipfel, der Rücken zieht sich noch einige hundert Meter weiter bis auf 1566 m Höhe, aber wir machen einfach irgendwo in der Mitte Halt und verpflegen uns mit einer verdienten Brotzeit.

Wir geniessen die herrliche Rundumsicht, die vom Toggenburg über das Alpenvorland, Ägeri-, Zuger-, Zürich- und Lauerzersee, Zentralschweiz und sogar bis hin zum Eiger im Berner Oberland reicht. Nach unten blickt man direkt in die Abbruchkante des Bergsturzes und kann sich so ein beeindruckendes Bild von der Rutschbahn machen, die erst bei den Häusern von Goldau ein Ende findet.

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Ich finde es – vorsichtig ausgedrückt – spannend, dass Goldau nach diesem Unglück an gleicher Stelle wieder neu aufgebaut wurde. Ein wenig Recherche zeigt, dass durchaus auch in heutiger Zeit Rutsche am Rossberg stattfinden, ein grösserer Absturz geschah 2005, als wiederum nach einer regenreichen Periode weitere Teile an der östlichen Abbruchkante abstürzten. Zwar war der Felssturz nicht so gross, als das er bis nach Goldau vordringen konnte, aber offensichtlich gibt es immer noch genügend Material, welches sich irgendwann seinen Weg ins Tal suchen dürfte. Wäre es da nicht sicherer, zu akzeptieren, dass die Lage unterhalb des Rossbergs für eine Ortschaft nicht so geeignet ist? Ich mache mir so meine laienhaften Gedanken und komme zu dem Schluss, dass ich nicht in Goldau wohnen wollen würde.

Nach einer ausgedehnten Pause machen wir uns an den Abstieg und müssen nun ein Stückchen auf einem Altschneefeld absteigen. Dank der Wärme ist das aber kein Problem, der Schnee ist weich und wir können mehr oder weniger elegant hinunter stapfen und -rutschen. Dann geht es über Steigenbachbann und Spitzbühlalp auf einem Rücken wieder hinunter in Richtung Talboden. Dank der grossen (und momentan zum Glück noch kuhfreien ) Weideflächen haben wir eine schöne Aussicht und arbeiten uns so Etappe für Etappe zurück nach Goldau.

Im Ortsteil Tennmatt erreichen wir wieder den Talboden und müssen nun nur noch einige Meter zum Auto zurück laufen. Vorher legen wir aber noch eine kleine Zwischenstation in einem Café ein, bevor sich Patrick in Richtung Bahnhof verabschiedet und wir uns auf die Heimfahrt nach Oberiberg machen. Eine schöne Frühjahrswanderung geht zu Ende und wir haben viele interessante, aber auch erschreckende Eindrücke über die Macht der Natur mit nach Hause genommen.

Einige weitere spannende Informationen zum Goldauer Bergsturz finden sich in diesem PDF von André Grundmann aus Goldau oder auch bei Wikipedia.

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