Ganderfluh „Via 68“ und Hagelstock „Altwybersummer“

#storyFels

Ursprünglich war der Plan, heute schon eine Skitour zu machen, aber schlussendlich verabrede ich mich mit Jonas zum Klettern und hole ihn in Schwyz am Bahnhof ab. Wir fahren ins Schächental zur Ruegig-Seilbahn und lassen uns nach Anruf bei der Bergstation hinauftragen zur Station Ruegig. Von dort aus geht es in 45 Minuten hinauf zur Ganderfluh, wo wir uns die Route „Via 68“ anschauen möchten. Ich bin ein bisschen skeptisch, denn das ist eine klassische Tour und auch klassisch bewertet, aber Jonas möchte unbedingt. Na gut.

Die erste Seillänge startet mit der schwersten Länge, einer 6a+. Einmal Schere, Stein, Papier spielen, wer vorsteigen darf – Jonas gewinnt und kann sich an die Arbeit machen. Der erste Bohrhaken sitzt in rund fünf Meter Höhe, aber schon nach zwei Metern legt er einen Friend in den Riss. Das kann ja noch was werden…

Dann geht es mühsamst weiter, die Nähmaschine (so nennt man es, wenn ein Bein das grosse Zittern bekommt) ist allgegenwärtig, obwohl die Verschneidung hervorragend abgesichert ist. Immer ein kleines Stück weiter, wieder ein kleines Stück zurück, wo man gut stehen kann. So müht sich Jonas Meter um Meter nach oben. Mir ist unten im Wind derweil schon recht kalt geworden, aber es ist noch kein Ende in Sicht. Ein erstes Mal reinhängen. Wieder weiter, zum zweiten Mal reinhängen. Als ich unten das Seil straffziehe, reisse ich nur dadurch den Friend aus dem Riss heraus. Zum Glück ist er da nicht reingesegelt. Mir stinkt es langsam schon ein wenig, aber ich kann jetzt auch nicht viel machen, ausser Geduld zu haben.

Ich sinniere derweil über Sportkletterer in alpinen Routen und Selbstüberschätzung nach. Oben geht es wieder ein Stück weiter, Jonas hält sich links und flucht, weil ihm die Expressschlingen ausgegangen sind. Er hatte elf Stück dabei, laut dem wieder Mal treffsicheren Plaisir-Führer braucht es nur zehn. Schlussendlich wären es 13 gewesen. Das ist natürlich auch nicht gerade hilfreich von den Führerautoren. Also lasse ich ihn ein Stück ab, er holt sich eine Schlinge von weiter unten und klettert wieder zum letzten Punkt hinauf. Dann müht er sich nach links weiter. Vor dem Einsteigen mal ein Blick in den Führer? Fehlanzeige. Der Stand ist rechts, direkt nach der Verschneidung… Ich rufe ihm zu, dass er sich wohl eher nach rechts halten müsste. Grosse Augen – nein, kann nicht sein. Ach doch, tatsächlich. Da ist der Stand. Oh Wunder. Noch die letzten Meter, dann endlich: „Stand!“

Ich schaue auf die Uhr, eine Stunde und zehn Minuten für die erste Seillänge. Sauber. So ein Scheissdreck.

Mich ärgert es ziemlich, denn anstatt einfach mal zu akzeptieren, dass eine alpine 6a etwas völlig anderes ist als eine 6a im Klettergarten, muss man ja unbedingt sowas klettern, alles darunter wäre ja unter der eigenen Würde. Ich steige nach, die Länge ist schon knifflig, aber durchaus machbar. Übrigens noch interssant, denn es liegen an drei Stellen noch die alten Holzkeile, mit denen unsere Vorfahren damals die Route begangen haben. Die hatten offenkundig ganz andere Nerven (und vielleicht auch ein anderes Können) als wir feigen Würschtel heutzutage.

Als ich oben bei Jonas ankomme, sage ich ihm, dass mich das ziemlich ankotzt und ich keine Lust habe, in diesem Stil weiter zu klettern. Er scheint es zumindest zu verstehen und ich schlage vor, dass wir wieder abseilen, etwas weiter zum Hagelstock laufen und uns dort eine andere Route anschauen, die ich eventuell mal mit Marina klettern möchte und sie mir daher gerne anschauen möchte.

Gesagt, getan – die Gurte lassen wir an, die Helme auch auf, da wir unterhalb der Felswand traversieren möchten. Die Querung ist etwas mühsam, aber wir finden den Einstieg zum „Altwybersummer“ sofort. Ein Blick auf die Uhr zeigt, dass zum Trödeln keine Zeit bleibt. Ich steige gleich in die erste Länge ein, es geht mal wieder quer durch die Wand, aber einfach zum Stand. Die folgenden drei Längen sind ähnlich, eher einfach und nicht besonders reizend, teilweise ist arg viel Graskletterei dabei. In der fünften Seillänge geht’s dann für mich in die Schlüsselseillänge, eine 5c+, die auf den ersten paar Metern etwas abdrängend und bissig ist. Kommt man aber hoch, oben gehts dann waagerecht zum Standplatz.

Ich sichere Jonas nach, mittlerweile ist aber zeitlich unser Umkehrpunkt erreicht. 15 Uhr, eine Stunde zum Abseilen, halb fünf wird es dunkel. Die letzten drei Seillängen würden nun in einem Knick verlaufen und man kann dann erst wieder vernünftig nach der letzten Länge abseilen. Das schaffen wir aber definitiv nicht mehr. Also machen wir Feierabend, seilen wieder ab, trotz teilweise buschiger Abseilpiste erstaunlicherweise ohne Seilverhänger und machen uns auf den Rückweg zur Seilbahn.

Runter geht’s dann schnell und am Vierwaldstättersee entlang fahren wir zurück nach Hause.

Insgesamt war es dann doch noch ein recht schöner Klettertag. Ich bin aber durchaus der Meinung, dass man so was ansprechen sollte, wenn sich jemand ganz offensichtlich einfach in einer Route überschätzt. Denn für denjenigen, der sichert, ist das dann einfach nur noch nervend, wenn man selber nicht zum Klettern kommt, sondern zum Warten verdammt ist.

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