Tiefenstock

#storySchnee

Mit etwas Müh und Not scheuche ich mich um kurz nach vier aus dem Bett. Wieder einmal geht es in das Gebiet des Gottgard hinauf, wieder einmal Treffpunkt in Schwyz. Steph und Fabian kommen beide mit, wir wollen von Realp aus den Tiefenstock angehen. Um sieben starten wir, das Wetter scheint sich in die gute Richtung zu entwickeln und man sieht bereits die ein oder andere blaue Stelle aus dem Nebel hervorschauen.

Anfangs steigen wir mehr oder weniger auf dem Hüttenweg zur Albert-Heim-Hütte auf, der wiederum auf der Furkapassstrasse verläuft. Hier ist ohnehin quasi immer eine gute Spur vorhanden und so trotten wir die ersten 1000 Hm ohne viel Nachdenken zu müssen hinauf, bis wir ein Stück unterhalb der Hütte linkshaltend in Richtung Tiefengletscher traversieren, wo uns der weitere Aufstieg dann in Richtung Tiefenstock bringen soll. Bevor wir auf den Gletscher steigen, gönnen wir uns in der nun aus blauem Himmel scheinenden Sonne eine längere Pause, essen und trinken etwas, bevor wir die Gurte anziehen und uns auf den weiteren Aufstieg über den gut zugeschneiten Gletscher in Richtung Nördlichem Tiefensattel machen.

Der weitere Zustieg ist leicht, die Steilheit sehr moderat und die Richtung ohnehin klar vorgegeben. Hatten wir vorhin noch einige andere Tourengänger vor uns, sind wir nun alleine, die anderen sind alle in Richtung Galenstock abgebogen. In der Stille des Talkessels ziehen wir unsere Spur bis ganz nach hinten, wo wir uns linkshaltend in Richtung Skidepot wenden, am Fuss eines rund 60 – 70 m hohen Aufschwungs, der oben im Grat (im nördlichen Tiefensattel) endet. Von dort aus geht es in leichtem Gelände auf dem Südwestgrat zu Fuss auf den Gipfel des Tiefenstocks. Eigentlich rechnet keiner mehr damit, dass grossartig etwas daneben gehen könnte, die Steilstufe ist gemäss Führerliteratur in etwa so einzustufen wie drüben am Galenstock – die Stelle hat dort nie ein Problem dargestellt. Etwas leichte kombinierte Kletterei im II. Grad, je mehr Schnee liegt, umso besser wird es, denn dann hat man meist einfach Trittschnee auf den Granitplatten.

Die letzten Meter spurt Fabian an den Felsaufschwung heran, wir haben bereits die Stelle gesehen, wo Fixseile hängen. Dort am Fuss machen wir Skidepot und eine kleine Pause, bevor ich als erster den Aufstieg angehe.

Sackraverdammtnochmal, das ist schwer! Die Ambitionen, das ohne Seil zu schaffen, lege ich schnell ad acta. Die glatten Granitplatten tragen definitiv nicht dazu bei, dass das Gelände einfacher wird. Tritte sind mehr als rar, auch Griffe lassen sich in der hier ungünstig abwärts geschichteten Felsstruktur kaum finden. Die Fixseile hängen zwar und sind alle paar Meter fixiert, allerdings macht mir das senkrechte Gelände hier kraftmässig wirklich zu schaffen. Nach drei, vier Metern lege ich eine schöpferische Pause ein – so funktioniert das hier nicht. Bisher hatte ich einfach eine Bandschlinge klettersteigähnlich in das Fixseil eingehängt, aber das ist hier so schwer, dass ich Gefahr laufe, in das Ding reinzufliegen. Und zwar relativ bald. Also hänge ich mich an einem Bohrhaken ein und hänge eine Steigklemme in das Fixseil oberhalb von mir ein. Mit dieser Hintersicherung würge ich mich nun Schritt für Schritt nach oben. Es strengt saumässig an und der ganze Spass dauert entsprechend. Steph hinter mir hat bereits nach wenigen Metern wieder den Rückzug angetreten und möchte von oben nachgesichert werden. Fabian kommt nun auch nach und kämpft ebenso wie ich. Mit der gleichen Methode schiebt auch er sich immer weiter nach oben. Mittlerweile hat sich das Gelände zwar etwas zurückgelegt, aber dafür liegt jetzt auch etwas mehr Schnee drin. Die Fixseile verlaufen irgendwo unter dem Schnee, ich grabe sie immer beim Vorwärtsschieben weiter aus. Ich hoffe nur, dass die Dinger alle gut fixiert sind – der Horror wäre es, wenn es nur irgendwo festgefroren ist und ich ziehe mich da munter mit dem ganzen Gewicht dran hoch. Irgendwie ein unschöner Gedanke …

Nach einer gefühlten Ewigkeit hab ich nun einen halbwegs guten Standplatz an einer Sicherungsstange erreicht – von der Steilstufe selber haben wir hier aber gerade mal rund ein Viertel geschafft. Zwar wird das Gelände nun deutlich einfacher, aber die Zeit ist leider nicht stehengeblieben – ich warte eine ganze Weile auf Fabian, bis er bei mir ist, ist es kurz vor 13 Uhr. Zu der Zeit wollten wir eigentlich auf dem Gipfel sein. Bis in den Sattel hinauf brauchen wir schätzungsweise noch eine halbe Stunde bis Stunde, Steph ist ja auch noch nicht mal hier, von dort kann man sicher eine weitere knappe Stunde auf den Gipfel rechnen. Dann alles wieder retour, gerade hier in dem Bereich wird es auch wieder eine ganze Weile brauchen.

Es ist eine riesige Scheisse und mich stinkt es gewaltig an, aber wenn man ehrlich ist, muss man hier die Reissleine ziehen. Später wird auch etwas schlechteres Wetter reinziehen, das macht die Sache nicht besser. Auch Fabian kotzt es sichtlich an, aber wir sind uns zumindest einig, dass es keinen Sinn macht, hier den Teufel am Schwanz zu ziehen. Der weitere Verlauf bietet leider auch keinen guten Trittschnee, so dass es wohl ein ziemlich unsicheres Gewühle ohne Sicherungsmöglichkeiten werden würde. Wenn der Vorsteiger da fliegt, landet er 50 m weiter unten auf dem Gletscher. Das gleiche Problem hätten wir hier im Abstieg, zum Abseilen würde das 30 m Seil, was wir heute dabei haben, nicht reichen.

Wir bauen um zum Abseilen, an der Stange hier können wir gut einen Abseilstand bauen. Mit einer Zwischenstation schweben wir wieder hinunter zu Steph. Irgendwie ist das ganze komisch, überall war immer von einem problemlosen, leichten Aufstieg in den Sattel die Rede – das hier grenzte aber schon eher an Schwerstarbeit im IV. Grad. Dann noch mit Skistiefeln und im kombinierten Gelände … Wir schauen uns noch (rein aus Interesse) ein felsiges Couloir etwa zehn Meter weiter links an, wo man in rund zehn Meter Höhe einen Schlingenstand erkennen kann. Das sieht so in dem Zustand (nämlich komplett aper) auch nicht sehr verlockend, geschweige denn einfacher aus – vielleicht ist der Schlüssel der ganzen Sache, dass hier normalerweise ein Fixseil drinhängt und einfach Schnee liegt – dann kann man natürlich sehr simpel hinauf stapfen. Irgendwie kommt es mir so vor (und das wird sich später nach Studium diverser Tourenberichte und Fotos von anderen Begehungen als der Grund herauskristallisieren), als ob wir hier mit den sich verändernden Schwierigkeiten durch die starke Gletscherabschmelzung Probleme haben – der Tiefengletscher reichte offenbar auch vor wenigen Jahren noch ein paar Meter höher an den Fels heran, was in Kombination mit mehr Schnee (und einem Fixseil in dem Felscouloir) die Sache wesentlich entschärfen würde. Nun, auch hier spüren wir den Klimawandel (wodurch auch immer hervorgerufen) und das Abschmelzen vieler Gletscher. Heute und in dem Zustand soll unsere Tour auf den Tiefenstock also nicht sein.

Nach einer Esspause pfeifen wir dann gemütlich den Hang hinunter auf den flachen Gletscher, dort carven wir auf einer dünnen Neuschneeschicht weiter nach unten, bis wir am Ende des Gletschers nach einer kurzen Schiebepassage in Richtung Hotel Tiefenstock weiterfahren können. Hier schluckt uns dann der Nebel und bis nach Realp hinunter geht es nun mit mehr oder weniger null Sicht in der dicksten Suppe. Bevor wir auf der Passstrasse zum Auto abfahren, machen wir aber (selbstverfreilicht ) noch einen kurzen Stopp im Hotel Tiefenstock und gönnen uns ein Stück Streuselkuchen (mit Rahm …) und lassen den Tag nochmal Revue passieren.

Nachtrag: mittlerweile wurde der Übergang vom Gletscher auf den Grat entschärft und mit neuen Stahlseilen/-Klammern ausgerüstet. Die Begehung dürfte sich dadurch deutlich vereinfacht haben und wird nun offenbar laut Einträgen in diversen Tourenportalen wieder häufiger begangen.

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